Olivenöl – das Gold Apuliens

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Vor einigen Wochen war ich auf Einladung für ein paar Tage in Süditalien unterwegs, genauer gesagt: in Apulien. Und wenn man vom Flughafen Bari aus nach Leuca an der Südspitze des italienischen Stiefels unterwegs ist, fällt eines sehr bald auf: Olivenbäume. Und noch mehr Olivenbäume. Olivenbäume, so weit das Auge reicht. Junge Bäume, mittelalte Bäume, ganz ganz alte Bäume. Natürlich gibt es auch (sehr hübsche kleine) Städte, selbstredend andere Formen von Landwirtschaft, natürlich gibt es Weinbau, aber je weiter man nach Süden kommt, umso weniger anderes durchdringt das silbrige Grün und knorrige Grau der alten Baumrecken. Und auch, wenn man bei Barbarano, Lecce oder wo auch immer durch die Weiten der Kulturlandschaft wandert, findet man immer und immer wieder weite, ausgedehnte Olivenhaine. Im Mai, als ich zu Besuch war, standen diese auch in voller Blüte.

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So überrascht es dann auch nicht, dass 40 % der italienischen Produktion an Olivenöl aus Apulien stammt, und ein großer Teil davon aus dem Salento, dem „Absatz“ des italienischen Stiefels, einer rund 100×40 km messenden Landzunge zwischen ionischem und adriatischem Meer. Angeblich produziert Apulien 8% der Weltproduktion.

Olivenöl hat hier eine lange Tradition. Vermutlich haben schon die alten Römer hier Oliven angebaut. Und es ist schon ein eigenartiges Gefühl. wenn man zwischen uralten Bäumen umherwandert, die vielleicht vor 800 oder 1.000 Jahren ein winziger Setzling waren,  zu einer Zeit, da Europa sich auf Kreuzzüge begab, und in Yucatan das Reich von Chichen Itza in voller Blüte stand.

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Unsere Tour führt uns zu einer modernen, aber sehr kleinen (und damit typischen) Olivenölproduktion in Morciano di Leuca, zu Specchiarussa. Inhaber Antonio führt uns über das kleine Landgut, erläutert den Prouktionsprozess, und erzählt ein bisschen über Xylella, ein Thema, das uns später noch mehr beschäftigen wird.  Wie viel Olivenöl er denn so mache, will ich wissen, und er sagt, „etwa 4.000 Liter.“

Ich überschlage das im Kopf. Selbst wenn er luxuriöse Preise für sein Öl nehmen könnte, wäre das niemals genug, um davon zu leben. Tatsächlich führt er einen kleinen Agriturismo, mit mehreren Zimmern und einer vermietbaren Pajara, einem der alten Steingebäude, die die Landschaft in regelmässigen Abständen verzieren, und aus Feldsteinen aufgetürmt wurden. Daneben baut er noch Gemüse an und züchtet Ziegen und Esel. Es ist sicher kein einfaches Leben.

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Wir verkosten noch eins seiner Öle, mit Einweisung, wie man das richtig macht, und der Produzent erzählt, dass er seine Maschinen zum Reinigen und Pressen der Oliven auch für andere einsetzt: tatsächlich stehen bei den Stahltanks im Lager auch feinsäuberlich mit Namen anderer gelabelte Chargen von Olivenöl.

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Als nächstes schauen wir uns an. wie der Olivenöl-Produktionsprozess im Salento noch vor 100 bis 150 Jahren aussah. In Höhlen und alten Kellergewölben finden sich in der gesamten Provinz kleine alte Ölmühlen. In diese Keller und Höhlen wurde durch Öffnungen in der Erde die Olivenernte geschüttet, und kühl und unterirdisch wurden die Oliven dann mit großen Mahlsteinen zerrieben, angetrieben durch Esel oder Muskelkraft. Auch das Öl wurde hier gelagert. In Morciano besichtigen wir mitten in der Altstadt einen dieser alten Keller. Der Weg führt eine steile, glitschige Treppe ohne Geländer hinab in Katakomben, die in den Sandstein unter den Häusern gegraben und mit Mauerwerk verstärkt sind.

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Heute sind sie nur noch ein Museum. Unser Guide Marco und Antonio von Specchiarussa versuchen, für uns die alte Zeit zum Leben zu erwecken. Da Olivenöl Saisonarbeit für ca. 3 Monate im Jahr war, fuhren viele der Ölarbeiter den Rest des Jahres zur See, was gut dazu passt, dass von Leuca aus große Mengen Öl in den gesamten Mittelmeerraum verschifft wurden.

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Olivenöl ist – neben dem Tourismus – hier die primäre Einkommensquelle, Arbeit ist in dem armen Landstrich Italiens rar, und die Landflucht ist hoch. Umso härter traf es (ausgerechnet) das Salento, als im Jahr 2013 rund 8000 Hektar Olivenbäume mehr oder weniger von jetzt auf gleich abstarben. Der Auslöser ist Xylella fastidiosa, ein Bakterium, welches die Bäume zum Vertrocknen bringt. 2014 waren bereits weit über 20.000 Hektar betroffen, und ein Jahr später begann man auf fast 1 Million Hektar Olivenbäume als eine Art „Brandschneise“ abzuholzen, um der Ausbreitung Einhalt zu gebieten. .Ein Gegenmittel für Xylella gibt es derzeit nicht, und mittlerweile ist das Bakterium auch auf Korsika und in Spanien aufgetaucht. Der Widerstand der Bevölkerung (wer möchte schon Jahrhunderte alte Bäume abholzen und auf Jahrzehnte sein Einkommen verlieren) und eine Verschleppung durch die Politik, nicht zuletzt in Apulien, hat auch die Forschung hinsichtlich anderer Lösungen behindert. (Zum Weiterlesen: Spektrum der Wissenschaft zu Xylella).

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Das alles ist für Apulien und insbesondere das Salento schlichtweg verheerend, wie uns Luca Dante, Bürgermeister von Morciano di Leuca, erklärt. Der für italienische Verhältnisse sehr junge und aktive Politiker will alles tun, um die Ölbäume und Ölproduzenten der Region zu schützen, und berichtet uns von den Maßnahmen, aber auch dem Widerstand. Es ist nicht immer alles so einfach…

Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen – manche Leute sagen, die toten Olivenbäume könnten sich vielleicht wieder erholen, es gibt keine Erfahrungswerte; andere sagen, nur durch radikales Durchgreifen könne man den Rest der Oliven retten. Wichtig erscheint mir, dass hier ganz Europa an einem (Forscher-) Strang zieht, sonst ist das grüne Gold Apuliens bald Geschichte – und vielleicht die gesamte Ölproduktion rund ums Mittelmeer. Zwar gibt es mittlerweile wohl zwei resistente Olivenarten, aber bis die die Mengen produzieren, die die jahrhundertealten Haine liefern konnten, vergehen wohl noch ein oder zwei Generationen. Und so viel Zeit haben wir einfach nicht.

Apulien ohne Olivenbäume ist für mich unvorstellbar.

Ich hoffe, es findet jemand eine schnelle Lösung. Bis dahin gilt: fahrt nach Apulien und schaut euch die traumhaften alten Olivenhaine dort an, solange es sie noch gibt. Und nehmt Olivenöl mit 🙂

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Disclaimer:

Ich war auf Einladung der Region Salento in Apulien, mit freundlicher Vermittlung von Carmen Mancarella bei Spiaggie Puglia. alle Bilder (mit Ausnahme der Olivenölflasche via Roberta Sorge on Unsplash), sowie Texte sind meine. Eine inhaltliche Beeinflussung fand nicht statt. Mein Dank gilt auch Dott. Luca Dante für die Unterstützung durch die Gemeinde Morciano di Leuca, die diesen Trip mit möglich gemacht hat.

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1 Antwort

  1. creezy sagt:

    Bellissimo! Als wäre man mit dabei gewesen! 🙂

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