Norbert Suchanek: Der Soja-Wahn

Schon seit längerem sammele ich Material für einen Text oder auch ein Buch zum Thema Soja und Gesundheit. Dass da keinesfalls alles so toll, gesund und empfehlenswert ist, wie uns die Agrarindustrie und angeblichen Ernährungsexperten immer erklären wollen, ist für viele überraschend, aber leider wahr.

Bei der Recherche fiel mir auch ein kleines Bändchen in die Hände, aus dem Oekom-Verlag (ein Spezialverlag für Themen rund um Ökologie und Nachhaltigkeit), welches sich (nicht nur) auf andere Weise kritisch mit der Sojabohne befasst.

soja

Der Soja-Wahn: Wie eine Bohne ins Zwielicht gerät

Obwohl sich Suchanek, der heute als Korrespondent in Rio de Janeiro arbeitet, nur teilweise mit den Ernährungslügen rund um die Sojabohne befasst, schien es mir passend, dieses Bändchen hier in meinem Foodblog vorzustellen, denn die Konsequenzen einer fehlgeleiteten Agrarindustrie treffen uns ja im Nahrungsmittelsektor immer wieder.

Die Kapitelliste:

  1. Soja – gut für die Gesundheit?
  2. Margarine aus Soja – gesünder als Butter?
  3. Soja statt Gras – schlecht für Mensch und Tier
  4. Soja und Asien – mehr Mythos als Wahrheit
  5. Opfer der Bohne: Mensch und Natur
  6. Soja – ein amerikanischer (Alb-) Traum
  7. Kann (Gen-) Soja nachhaltig sein?

Die Frage nach der Gesundheit finde ich eine interessante, und es ist passend, dass Suchanek sie an den Anfang stellt. Immer wieder wird Soja als gesundes Nahrungsmittel, ja geradezu als Superfood angepriesen; Soja sei gut in den Wechseljahren und gegen Krebs (wegen der Phytoöstrogene); das Eiweiss besonders hochwertig; Sojaprodukte ein jahrtausendealtes Gesundmittel der Asiaten, Motto: esst mehr davon, etc. pp.

Dem Format des Bändchens angemessen geht Suchanek auf diese Fragen sehr komprimiert ein; viele Erkenntnisse der modernen Ernährungsmedizin jenseits von Low-Fat-Propaganda und Ernährungsrichtlinien der Regierungen (wie die Fehlerhaftigkeit der Cholesterinhypothese oder die fälschliche Behauptung mehrfach ungesättigte Fettsäuren seien gesünder als einfach gesättigte) setzt er voraus oder reisst diese nur knapp an; dafür findet sich dann in der Literaturliste das wohl endgültige Standardwerk zum Thema, Gary Taubes‘ Good Calories, Bad Calories: Fats, Carbs, and the Controversial Science of Diet and Health oder auch die thematische Artikelsammlung der Weston A. Price Foundation zum Thema Soja, Soy Alert (lesenswert).

Da ich mit beiden vertraut bin, sind die Ernährungskapitel für mich keine Neuigkeiten, und die meisten Punkte aus dem Buch findet man dort umfangreicher wieder, so man des Englischen mächtig ist. Zu Bedenken gebe ich bei Soja gern, dass Soja eins der häufigsten Allergene weltweit ist (und da es in so gut wie allen Nahrungsmitteln stecken kann immer schwerer zu vermeiden); dass Soja dank der ach so gesunden Phytoöstrogene keinesfalls für Kinder taugt; und dass die Wachstumsinhibitoren der Sojabohne in allen ihren Produkten die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen können – allein das sollte schon mal als ‚food for thought‘ reichen, um nicht gleich jedem Heilsversprechen aufzusitzen.

Die weiteren Kapitel befassen sich dann mit der Massenproduktion von Soja im agrarindustriellen Komplex – beginnend bei der Tatsache, dass proteinreiches Soja eben keine geeignete Tiernahrung darstellt (und natürlich ernährtes Tier, grass-fed oder pastured heisst das im angloamerikanischen Raum, nicht nur besser schmeckt sondern auch für den Konsumenten deutlich gesünder ist).

Weiter geht es über Gentechnik (97% der Sojabohnen aus den USA sind GMO-crops) und Pestizide (Round-up und Konsorten) zur flächendeckenden Vernichtung von Regenwäldern für aus Sojaöl gewonnenen ach-so-nachhaltigen Biodiesel (die Produktion verschlingt 27% mehr Energie als sie erzeugt) und den Billigfleischhunger der ersten und zweiten Welt, die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen und die Subventionierung von Soja in den USA, bis hin zu neuem Agrarkolonialismus in Afrika. Der Pestizid- und Düngerverbauch von Soja nimmt Rekordausmaße an. Und dank Lobbyisten darf sich in Zukunft selbst Soja, das mit aus Flugzeugen versprühten Pestiziden eingenebelt wurde, noch als ‚verantwortliches Soja‘ schmücken.

Soja, eine Alternative für die Zukunft? Nur, wenn die Zukunft transgenen patentierten Produkten aus dem Labor der Agrochemiekonzerne gehört.

Die 110 Seiten sind gut zu lesen und ein vielleicht grad dank seiner Kompaktheit kräftiger Tritt in den Hintern, die eigenen Glaubenssysteme mal wieder zu überdenken. Ich fürchte nur, dass dieses Büchlein diejenigen, die es bräuchten, am wenigsten erreichen wird, sondern es am Ende auf preaching to the choir herausläuft.

Auf jeden Fall empfehlenswert.

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