Gastro Online Awards

Dieser Artikel wurde zuletzt am 22. Juni 2014 aktualisiert

Bei Jans Küchenleben las ich kürzlich von den Gastro-Online-Awards. Und meine spontane Reaktion war: wer braucht das?

Nun weiss ich ja, dass das Vergeben von Awards und Buttons nicht nur in der Blogosphäre eine gern genommene Strategie ist, die für „Awareness“ und Klicks sorgt, und hey, ich bin die letzte die etwas dagegen hat, wenn ein paar Menschen die gekonnt Websites aufsetzen (ich vermeide hier bewusst eine vielbenutzte Berufsbezeichnung), und sich Gedanken über eine vernünftige, attraktive und benutzerorientierte Gestaltung gemacht haben, ein wenig Lob dafür einheimsen.

Neugierig warf ich einen Blick auf die „Awards“ (es lebe der Anglizismus).

Fangen wir mal bei den Machern an. Bei Jan kann man nachlesen wer zur Jury gehört:

  • die Marketingfrau eines Online-Weinhändlers
  • ein Redakteur eines Gastro-Rezensions-Web2.0-Usergenerated-content-Portals
  • ein aktiver Blogger und Netizen
  • ein Vertreter eines weiteren Gastrokritikportals
  • der Herausgeber eines gedruckten Gastronomieführers
  • ein Gastronom und Gastro-Blogger
  • und schließlich Jan als Foodblogger

Diese Jury soll aus allen Einsendungen eine Vorauswahl von 30 treffen, aus denen dann in einer „Publikumsabstimmung“ die beste Website gewählt werden soll.

Auf der Website zum Award lese ich dann aber, dass ich schon, nur um einen Vorschlag für die Awards machen zu können, bei restaurant-kritik.de einen Nutzeraccount anlegen muss, und noch wichtiger:

An der Online-Abstimmung können alle Mitglieder der Community von Restaurant-Kritik.de teilnehmen.

Das ist für mich ein sofortiges Ausschlußkriterium, ich habe nicht vor auf noch einer Site Anmeldedaten abzulegen und jemandem seine Nutzerzahlen für die Werbekunden zu pushen (so wie ich mich übrigens auch beharrlich weigere, mich bei den Küchengöttern zu registrieren nur um da irgendwo Content zu kommentieren. Wer keine Kommentare von nicht board-registrierten Usern haben will, hat halt Pech gehabt und spart sich in diesem Fall auch mich als Leser).

Hier wählt also eigentlich nicht das „Publikum“, sondern die User eines ganz bestimmten Portals, das sollte man sich zumindest klar machen. Daran ist nichts Verwerfliches (auch die Oscarpreisträger werden nicht demokratisch gewählt), aber es ist eben was anderes als „hier wird ein Publikumspreis vergeben.“

Womit ich mich langsam meiner Ausgangsfrage annähere: wer braucht sowas, oder besser: cui bono?

Welchen Nutzen hat, beispielsweise, ein Restaurant von so einem „Award“? Klar, man wird genannt, die eigene Website wird verlinkt, ein paar mehr Leute kommen auf die Site und überlegen sich vielleicht auch mal dort essen zu gehen. Es bringt möglicherweise Kunden. Und zu welchem Zweck betreibt ein Restaurant eine Website? Was nutzt dem Gastronomen die Homepage? Mit welchen Intentionen kommt ein Nutzer und prospektiver Kunde auf eine Gastro-Website?

Ich gehe einfach mal von mir selbst aus: treffe ich zufällig auf eine Restaurant-Website, die gut gemacht ist, interessiert mich das – ganz ehrlich – erst mal nicht die Bohne. Interessant wird es für mich, wenn ich zum Beispiel weiß dass das Restaurant in einer Region ist, in der ich lebe, oder die ich häufiger besuche oder mal besuchen werde. Und jetzt kommt das Aber.

Kenne ich das Restaurant nicht, ist die Webseite des gastronomischen Betriebs für mich in den meisten Fällen erst mal nutzlos. Ich will nämlich wissen ob das Essen dort etwas taugt und mir zusagt. Speisekartenlyrik bringt mich da nicht weiter, und es wird schwerlich ein Gastronom Verrisse seiner Küche auf der eignen Website verlinken, also suche ich mir Berichte zu dem Restaurant – in Restaurantführern, online wie offline. (Hier werden Portale wie restaurant-kritik.de oder auch Qype, oder lokale Magazine mit Restaurantkritiken, für mich sehr viel relevanter als die Homepage des Restaurants).

Erhalte ich eine Empfehlung, suche ich mir dagegen schon einmal die Seite des Restaurants raus, um dort dann nach den Informationen zu suchen die ich wirklich brauche:

  • Anfahrt (Auto und/oder ÖPNV)
  • Öffnungszeiten, Kontakt, Reservierungsmöglichkeiten
  • Speisekarte (mit Preisen) und/oder Menus, ersatzweise Beispielsmenus
  • Zahlungsmöglichkeiten (Kreditkarten)
  • Specials

Und bin ich Stammgast in einem Restaurant bzw. kenne es gut und will mich nur über, z.B., die neuesten Menus oder die derzeitige Speisekarte informieren, interessieren mich auch nur diese. Als wiederkehrender Gast freue ich mich zum Beispiel über aktuelle Menuinformationen, auch gern per Mail.

Das „Ambiente“ und ein stylishes Webdesign dagegen interessieren mich nur peripher.

Aus meiner ganz subjektiven Sicht der Dinge liefert eine Restaurantwebsite also vor allem eins: Informationen für bereits willige künftige, oder ohnehin wiederkehrende Kunden, sie ist ein Kundenbindungsinstrument, kein Akquiseinstrument.

Die Kriterien des Online-Awards:

# eine übersichtliche Gestaltung
# eine gelungene Informationsstruktur
# der Umfang der angebotenen Informationen in Text und Bild
# die Aktualität der Informationen
# der Grad der Interaktivität (Gästebuch, Weblog mit Kommentaren usw.)
# einfach nur schön 🙂

Eine übersichtliche Gestaltung und gelungene Informationsstruktur… wer so etwa nicht liefern kann sollte eine statische Seite mit der Adresse und einem Foto seines Hauses ins Web stellen. Aber ich sehe den Punkt ein, ich habe so viele Websites gerade von gastronomischen Betrieben im ländlichen Raum gesehen, die man nur als abbruchreife Baustellen (coming soon als meistgenutzter Satz auf Unterseiten) bezeichnen kann, dass man das wohl explizit erwähnen muss.

Umfang der angebotenen Informationen in Text und Bild – ich halte es da mit Klasse statt Masse. Toll, wenn man sich das ganze Restaurant in 3-D-interaktiv-hassenichgesehen ansehen kann, aber: Wie bitte soll man sowas werten? Sind 30 Bilder besser oder aussagekräftiger als 3? Mir fehlt hier ein klarer Katalog an bewertungsrelevanten Punkten, was auf einer Website zwingend drauf sein sollte (und was nicht) – dazu gleich mehr.

Aktualität ist (nicht nur für Gastro-Websites) ein wichtiger Punkt – wenn ich auf einer Seite „aktuelle Angebote“ mit dem Weihnachtsmenü 2006 finde, weiss ich, dass sich hier niemand Gedanken über seinen Webauftritt (mehr) macht – wenn im Restaurant genauso für den Kunden gearbeitet wird ist das keine Empfehlung.

Nur: Kann ich die Qualität des Essens an der Website festmachen? Oder die des Service? Vielleicht hat man beschlossen, sich lieber auf seine Kernkompetenzen – gutes Essen, guter Service am real im Restaurant sitzenden Kunden – zu konzentrieren, statt teure Zeit mit der Pflege von Werbemaßnahmen zu vergeuden, die nichts einbringen?

Interaktivität. Muss heutzutage wirklich alles interaktiv sein? Warum um Himmels willen soll ein Restaurant ein Weblog oder ein Gästebuch auf der Website haben? Eine Möglichkeit zur E-Mail-Reservierung (die dann auch tatsächlich stattfindet und bestätigt wird), vielleicht ein Menu-Newsletter an Interessierte, das sollte an Interaktion völlig ausreichen.

Einfach nur schön. Eine Website die einfach nur schön ist ist genau das. Einfach nur schön. Nützlich ist aber was anderes. Nützlich ist eine Website, wenn sowohl der Betreiber als auch der Kunde daraus einen Mehrwert beziehen, ansonsten ist sie schön aber sinnlos und Ressourcenvergeudung.

Und das bringt mich auf meine Ausgangsfrage zurück: Wer braucht einen Gastro Online Award, ausser denen die ihn vergeben und sich davon Traffic erhoffen?

Was viel wichtiger wäre, wäre jemand, der sich daran macht, Websites zu analysieren die eben nicht alles richtig machen (und deswegen auch keinen Award kriegen), den Leuten zu zeigen was man besser machen kann, und dafür einen klaren (kunden- und zielorientierten) Kriterienkatalog aufzustellen.

Deswegen meine Frage an Euch: was wünscht Ihr Euch von einer Restaurant-Website?

Meine Wünsche:
– Anfahrtsbeschreibung, im Idealfall mit kleinem Kartenausschnitt
Barrierefreiheit
– keine Flashanimationen, und vor allem keine Musikuntermalung der Website
– keine PDF-Speisekarten, sondern HTML
– ein einfaches, klares Design, bei dem der Back-Button auch dahin zurückführt wo man vorher war
– Öffnungszeiten. klare Kontaktinformationen
– Infos zu Zahlungsmöglichkeiten (EC; Kreditkarten?) – das fehlt auf wahnsinnig vielen Restaurantseiten und ist ein echtes Ärgernis
– eine Speisekarte (mit Preisen), ersatzweise eine Beispielskarte, im Idealfall eine aktuelle Spezialitätenkarte

Wenn das alles gegeben ist, dann möchte ich vielleicht noch wissen, wo die Gastronomen ihre Rohwaren beziehen, oder welche Historie das Restaurant hat, oder freue mich über Links zu Gastrokritiken, das ist aber schon Wunschkonzert. Wer auf Specials und Sonderveranstaltungen hinweist sollte solche Infos natürlich auch aktuell halten. Und deswegen mein letzter Wunschpunkt: wer eine Website macht, sollte diese auch pflegen – oder sie von vornherein so anlegen dass sie keiner großen Pflege bedarf.

Ein Gastro-Online-Award jedenfalls wäre für mich kein Kriterium bei der Restaurantauswahl.

Update (März 2010): Knapp zwei Jahre später existiert auch die Website zu dem Award nicht mehr… deswegen URL oben getilgt.

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

4 Antworten

  1. Petra sagt:

    Ich kann dir nur absolut zustimmen. Ich habe erst kürzlich einige Infos zu Restaurants gesucht und bin dabei auf unglaublich schlecht gemachte Webseiten gestoßen. Da gab es Flash mit einem Menü, das unter Firefox nicht funktionierte, unscharfe, absolut nichtssagende Fotos und veraltete Informationen oder die Seite eines Restaurants, auf der man sich zwangsweise durch eine Art Diashow von 10 Seiten klicken musste: keine Navigationsmöglichkeit, kein Menü, und am Ende stand man dennoch ohne die gesuchten Informationen da .

  2. rike sagt:

    Ich finde, da hast Du völlig recht. Ich nutze auch keine Homepage, um mich für ein Restaurant zu entscheiden. Dafür gibt es in Potsdam ein Portal, bei dem die Aktionen der einzelnen Lokale erfasst sind (z.B. Menü für 2 zum Sonderpreis, alles aus dem Meer, etc.), bei dem dann auf die einzelnen Lokale verlinkt wird. Wenn dann dort die Speisekarte, Zahlungsinformationen, Adresse sowie Telefonnummer angegeben sind, bin ich schon völlig glücklich. Mehr braucht ein Lokal nicht, dafür möchte ich dann eine aufmerksame Bedienung und einen begabten Koch, das ist mir wichtiger als jede aufgemotze Homepage.
    Macht es denn eigentlich Sinn, dass viele auch selbst Restaurantkritiken auf ihrer Seite bringen? Denn mein Bekanntenkreis wünscht das, aber ich bin mir nicht so sicher. Suche ich denn auf einem Foodblog nach einem Restaurant?

  3. Foodfreak sagt:

    Ich weiss nicht ob ich in einem Foodblog danach *suchen* würde. Die Frage ist ja eher auch ob Du das in Deinem Blog haben willst, schliesslich bist Du die Autorin und setzt fest was reinkommt. Ich finde für mich selbst schön wenn ich später nochmal nachlesen kann wie mir etwas gefiel, in der Art eines Tagebucheintrags. Hilfreich finde ich Gastrorezensionen in Blogs (wir sind ja keine Profikritiker) auf jeden Fall, da gehen ganz normale Foodies essen und geben ihre Meinung ab – wenn etwa Foolforfood hier in HH ein Restaurant ausprobiert und das gut fand, weiss ich das ist ’nen Besuch wert. Und das kann ich auch besser einordnen als bei XY der in einem Gastroportal oder bei Qype schreibt und vielleicht zu Hause am Liebsten Fastfood aus der Tüte isst…

  4. rike sagt:

    Danke, da hast Du recht. Ich mache das Tagebuch noch offline, aber vielleicht sollte ich den Part mit den Lokalen öffentlich machen… Mal sehen.

    Was die Gastroportale betrifft, nach den Kritiken dort habe ich mich noch nie gerichtet. Was ich aber schön finde, sind diese Gutscheinbücher. Denn da ich Job-bedingt öfters umzgezogen bin (hoffentlich nicht mehr ganz so oft), probiert man öfter und leichter mal ein Lokal aus und kann es auch leichter verschmerzen, wenn es nicht ganz so prickelnd war.

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