United States of Styrofoam

Dieser Artikel wurde zuletzt am 9. März 2017 aktualisiert

3 1/2 Wochen USA liegen hinter uns, 25 Tage, in denen wir – das war uns vorher klar – Fast Food in allen Varianten begegnen würden, und auch sprichwörtlichen food deserts. Nach unserem USA-Trip 2012 waren wir auf eine Menge vorbereitet. Was uns allerdings noch stärker auffiel als damals, war die Tatsache, dass es, fine dining mal aussen vor, fast nirgends mehr (richtiges) Geschirr und Besteck gibt. (Ich rede explizit nicht von „guten“ Restaurants oder Gegenden wie San Francisco, sondern von den ganz normalen Futterstellen der Bevölkerung im Alltag).

Kurz über den Daumen gepeilt: an Nicht-Wegwerf-Geschirr haben wir in diesen 25 Tagen gesehen

  • echte Kaffeebecher zum Frühstück: 1x in einem Diner, 2 x in einem (dem gleichen) Hotel, 1 x auf einem Casino-Buffet, 1 x im Weingut-Apartment
  • richtige Weingläser: In einem Weingut
  • Wassergläser aus Hartplastik (die gespült werden): 1 x Brewery, 1 x Pizzeria, 1 x Casino-Restaurant
  • Porzellanteller: 1 x im Casino-Restaurant, 1x in einem Cafe/Restaurant, 1x Brewery
  • Chili in Suppenteller mit Löffel: 1
  • Pasta auf Porzellan mit Messer und Gabel: 1 x
  • Biergläser: in einer Brewery, in der Pizzeria in Springdale
  • Longdrinkgläser aus Glas: in der Bar im Casino.

Des weiteren gab es in einem Apartmenthotel mit kleiner Kitchenette immerhin Teller und Besteck (und eine Pfanne), und bei Weiss Delicatessen richtiges Besteck und Porzellanteller, bei beiden aber wiederum nur Einweggetränkebecher.

Essen auf dem nordamerikanischen Kontinent scheint ohnehin weitgehend darauf optimiert zu werden, dass man es mit den Händen / ohne Besteck essen – und natürlich mitnehmen kann, United States of Drive-In / TakeAway. Mitnehmessen gibt es auch in Asien (auch dort zunehmend in Styrofoam oder in mehrfach geschichteten Plastikbeuteln), aber dort sind die einfachen Läden wenigstens alle mit handgespültem Melamin-Geschirr ausgestattet.

Nicht so in den USA: Pizza, Imbisse, Sandwiches werden auf Papp-, Plastik- oder Styrofoam-Tellern serviert, meist mit einer rotweisskarierten Papierserviette drunter. Ein (typischer) Blechteller ist schon fast Luxus. Und selbst wenn der Burrito auf Porzellan serviert wird, gibt es Salsa, Crema fresca, Guacamole im praktisch portionierten Plastebecherchen dazu. Da sind die gehäuft auftretenden Salsa-Flaschen zumindest im Südwesten (die oft genug auch von Einwegbeutelchen abgelöst werden) fast noch ein Gewinn.

Die wesentliche Wahrnehmung war: alles, wirklich alles wird in Styropor-Boxen, -Bechern und auf Styropor-Tellern serviert, alle Arten von Geschirr werden nach Verzehr der Nahrungsmittel weggeworfen. Nach Zahlen der EPA, der US-Umweltbehörde, aus dem Jahr 2011 werfen die Amerikaner im Jahr 25.000.000.000 Styrofoam-Becher weg. Ja, das sind 25 Milliarden. Das sind übrigens die gleichen Leute, die wegen Rohmilchkäse hysterisch werden, aber nichts gegen geleachtes Styrol in ihren Heißgetränken haben.

Richtige Tassen? die müsste man ja abspülen – so ein Schnickschnack. Das wirkt besonders albern bei Hotels, die ein warmes Frühstück (meist Wurstpatties, irgendeine Eierspeise, und Toast / English Muffins sowie Pancakes oder Waffeln) anbieten. Dort steht ohnehin üblicherweise eine Küchenhilfe, die abräumt und auffüllt, eine entsprechende Pantryküche wäre auch vorhanden, in der die Servicekraft locker mal die Kaffeebecher und Teller eines Morgens reinigen könnte. Auch Frühstücksflocken aus der Plasteschaumschale sind kein Bringer  –  man fragt sich, ob man nicht denselben Foam isst wie den der außenrum ist…  Man bittet auch nicht um eine Bag, um die in Restaurants (unvermeidlich) vorhandenen Essensreste mitzunehmen, sondern fragt nach einer Box. Aus Styropor oder auch styrofoam.

Klar, will ich mir einen Kaffee mitnehmen, ist der Einwegbecher praktisch. Und am Soda Fountain will man schon aus Kostengründen den Riesenpappbecher wieder auffüllen und mitnehmen (dass an dem Prinzip in anderer Hinsicht was falsch ist, well). Aber ob Zahnputzbecher (Plastikbecher in Plastikfolie eingeschweisst – so kann sich niemand an potenziellen Scherben verletzen und das Hotel verklagen) oder coffee and tea making facilities (Styrofoam- oder Pappbecher), ob Motel oder Hotel, richtige Becher oder Tassen gibt es nicht.

Der Lunch im Mom-and-Pop-Diner kann noch so gut, das mexikanische Essen aus der kleinen cantina noch so authentisch sein: da sitzt man dann, und zersäbelt mit Plastikbesteck, das stumpf ist (aber bisweilen silber gefärbt) auf Styroporschaumtellern eine Mahlzeit, die allein schon dadurch nur halb so lecker ist. Und das passiert einem eben nicht nur in den Imbißketten, sondern beinahe überall. Selbst bei großen Meetings in einem Tophotel findet man Styro-Becher beim Kaffee, Wegwerfplastikbecher für Wasser…

So wundert es dann auch nicht (in fast jedem Supermarkt ausser bei Trader Joe’s und Whole Foods wird fröhlich in Myriaden dünner Plastikbeutelchen gebaggt), dass man allerorten riesige landfills sieht, Müllkippen, und es wirkt beinahe lächerlich, die mediokren Recyclingversuche (wie das nur in Kalifornien wirksame Pfandsystem) zu beobachten bei den Unmengen Müll, die jeder da am Tag erzeugt.

Wir in Deutschland (und Europa) sind weit davon entfernt, müllvermeidend zu arbeiten, tatsächlich wird es gerade gefühlt wieder schlimmer, wenn ich einkaufen gehe, aber das war ein relativ erschreckendes Erlebnis.

Zumindest eine Strategie hat sich aber gut bewährt: wir hatten die Klean Kanteen dabei, und haben aus der Kaffeemaschine oder den Pumpkannen morgens unseren Kaffee in diese abgefüllt. Und da, wo es geht, auch an Wasserspendern die Nalgene- und andere Flaschen wieder aufgefüllt (an den Nationalparks gibt es meist Wasserstationen).

Ich weiss nicht, was die Styrofoam-Becher die großen Hotels im Jahr kosten, oder wie viel so mancher gastronomische Betrieb für sein Einweggeschirr ausgibt, aber ich wage zu behaupten, dass es sich binnen 1-2 Jahren locker rechnen würde, echtes Geschirr anzuschaffen und zu spülen. Und der Esskultur könnte es auch nur gut tun.

(Bild: Chris Caravello, Lizenz: CC BY 2.0)

Print Friendly, PDF & Email

Appetit bekommen? - Hungry for more?

8 Antworten

  1. Nadja sagt:

    Das ist mir auch damals in Japan aufgefallen, dort wird ja alles in Um-Um-Um-Verpackungen eingepackt. So viel Müll! Amerika klingt aber definitiv noch einen Tick schlimmer. Essen mit Plastikmessern und aus Plastikgeschirr (vor allem Styropor, bäh!) stell ich mir wirklich nicht schön vor.

    Liebe Grüße
    Nadja

  2. Jill sagt:

    Und das ist nicht nur in den Restaurants, sondern auch in den Kantinen so. In der amerikanischen Zentrale meines Arbeitgebers konnte man die Europäer auf Besuch daran erkennen, dass die mit Metallbesteck aßen. Es gibt also immer beides. Die Suppe aber nur im Styrofoam-Cup, und natürlich Pappteller.

  3. Mela sagt:

    Wu-ha!

    Da würde es sich ja beinahe lohnen, eigenes Porzellangeschirr mit ins Restaurant zu nehmen um wenigstens ein angenehmes Esserlebnis zu haben.

  4. Sonja sagt:

    Nur zu den Glas-Zahnbechern: Ich arbeite in einem Hotel und der Hintergrund warum es Einweg-Becher gibt ist einfach: Letzens hat eine Newssendung Housekeeping dabei beobachtet wie Glasbecher mit Glasreiniger oder Bleichemittel eingesprueht wurden und dann nicht mal abgewaschen. Das danach keiner mehr Glasbecher nehmen will wundert mich nicht wirklich – aber man kann ja auch seinen eigenen Zahnputzbecher einpacken.

    • FoodFreak sagt:

      natürlich kann man das, aber ganz ehrlich; ich erwarte in einem Hotel eigentlich, dsas Glas durch den Gastrogeschirrspüler geht – so wie ja Bettwäsche auch durch entsprechende Waschmaschinen läuft. Klar kann ich mein eignes Zeug mitnehmen… darum geht es hier aber nicht. Ich kann auch campen gehen… einen gewissen Servicelevel kann man von einem Hotel imho aber schon erwarten. (Ich spüle meinen Mund in USA im Zweifel mit bottled water. Der Zahnputzbecher ist also im Zweifel eine Zahnbürstenablage…)

  1. 6. März 2017

    […] Porzellantassen beim Frühstück (jedenfalls nehmen wir es hier das erste Mal bewusst wahr nach dem Styrofoam-Irrsinn der letzten zwei Wochen). Neben einem alten Nascar-Fahrzeug, einer Bowling-Bahn und ein paar […]

  2. 9. März 2017

    […] haben“. Immerhin gibt es richtige Teller und richtiges Besteck im Vergleich zu dem ganzen Styrofoam-Wahn, der uns auf dem Rest der Reise […]

Kommentar verfassen