Wie die Paprika auf die europäischen Teller kommt

Dieser Artikel wurde zuletzt am 3. Februar 2017 aktualisiert

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In Almería, wo ich auf Einladung der Kampagne We care, you enjoy bei den Gemüseproduzenten Andalusiens zu Besuch war, werden nicht nur Tomaten angebaut (wenn diese auch das beliebteste Gemüse der Kunden in Deutschland sind und deswegen sehr viel produziert werden), sondern auch Paprika, Zucchini, Gurken, Wassermelonen, Auberginen und grüne Bohnen.

Bei den Mengen an spanischem Gemüse, das in deutschen Supermärkten zu finden ist, und angesichts von (allein in der Region Almería) rund 30.000 Hektar Anbauflächen, fragt man sich natürlich, wo kommt das alles her, und wie kommt es zu uns, und den anderen Abnehmern? Denn neben einem durchaus vorhandenen Binnenmarkt sind die wichtigsten Abnehmer Deutschland, Holland (z.T. zum Weiterverkauf), Großbritannien, und die skandinavischen Länder, was die Genossenschaften Andalusiens zum Teil vor nicht unerhebliche logistische Probleme stellt.

Und das beginnt bereits bei der Anlieferung. Die Mehrzahl der Produzenten der Region sind Kleinbauern, mit Anbauflächen unter 2 ha (der Durchschnitt liegt bei 1,7 ha). Und so liefert dann ein Zucchinipflanzer auch schon mal seine Ernte auf dem Hänger an.

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Bei Murgiverde, wo wir uns die Abläufe in einer auf Paprika und Zucchini spezialisierten Verpackungshalle ansehen durften, ist das nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Ursprünglich aus 4 Genossenschaften mit rund 500 Mitgliedern kommen die Anlieferungen.

Murigiverde - packingVerpackt wird dafür für alle, die bei Murgiverde abnehmen, ob Klein- oder Großabnehmer. Das können genauso Kaufland und Tesco sein wie Feinkost-Märkte oder der lokale Genossenschaftssupermarkt.

All diese Kunden haben spezielle Wünsche an die Produkte, und marktspezifische Vorlieben, bekommen ihre Waren in die von ihnen präferierten Gebinde und in den Größen oder Vorverarbeitungen geliefert, die sie möchten.

Zunächst aber werden die angelieferten Paprika gewogen und mit einer Chargennummer (Lieferant und Eingangsdatum) versehen. Anhand dieser Nummern lässt sich jederzeit nachvollziehen, wann wer welche Charge angeliefert hat, sollten Probleme auftreten. Die Kisten werden automatisch entladen, von wo aus die Paprika in einer Waschanlage (Wasser) landen, gründlich rundherum gereinigt werden, und dann vorgetrocknet. Das ist deshalb nötig, weil in der Region noch einige Bauern auf Sandboden anbauen, und die Paprika verschmutzt sein können; ausserdem gibt es nach wie vor einige Bauern, die Pestizide einsetzen, wenn man das auch nicht so gern sieht (und sagt).

Nach einem kurzen Trockenpusten wandern die Paprika auf lange Förderbänder, die sie wiegen, und in die Verpackungshalle weiterverteilen. An so gut wie allen Stationen finden sich Frauen (dazu gleich mehr), die von Hand und mit wachem Auge beschädigte, oder sonst auffällige Paprika in eigene Behälter aussortieren.

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Mir fällt ein Behälter auf, in dem kleinere Paprikaschoten liegen. Was damit geschieht, will ich wissen. „Die gehen nach UK, die Briten mögen sehr gerne kleine Paprika, die verkaufen sich da gut.“ Nur wirklich Beschädigtes landet in einem Behälter „para uso interno“, zum eigenen Gebrauch; optisch weniger gelungene Schoten landen auch schonmal auf dem Band für die Dosenproduktion, obwohl fast alles, was hier verpackt (und in der Region angebaut wird) im wesentlichen eine Produktion für den Direktverzehr / Endkunden ist.

Zu diesen Endkunden gehört auch eine Gruppe von Feinkostsupermärkten aus Deutschland, die sich mit der Marke „teuflisch gut“ ihr eigenes Gemüselabel gebastelt haben – die Kartons stechen mir als Deutscher natürlich ins Auge. Und wo wir gerade bei den Deutschen sind… zwei große Verpackungsstraßen machen nur bolsas, Beutelchen, das heisst die berühmten rot-gelb-grün-Dreierpacks von Paprika, die von Frauen per Hand auf das Band sortiert werden, ehe sie in die Maschine laufen, deren Zähler, als ich daneben stehe, gerade bei Tüte Nr. 17.211 für eine britische Supermarktkette ist. Die Briten und insbesondere dieser Kunde, erzählt uns der Werksleiter, wollen ihre Paprika gern ohne lange Stiele, weswegen an mehreren Stationen Frauen mit Gartenscheren stehen und Paprikastiele abknipsen. Die Stiele werden gesammelt und gehen in die Kompostierung. Und ich denke mir, es sind also nicht nur die Deutschen, die auf die Ampelpäckchen Paprika getrimmt sind, was eigentlich schade ist, wo es doch so viele tolle Paprika gibt.

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Hier arbeiten hauptsächlich Frauen, bis auf ein paar Staplerfahrer. „Ja, das ist eine typische Frauenarbeit,“ erklärt Maribel. „Frauen, heisst es, sind geschickter dabei und haben ein besseres Auge und Gespür dafür, wenn mal eine Paprika nicht gut ist, sie sehen das schneller.“ Und es ist im verarmten Spanien eine anständig bezahlte Arbeit. Reich wird man damit sicher nicht, aber es ist Arbeit, und auch Männer versuchen mittlerweile, in solchen Posten einen Job zu finden. – Mir wird wieder einmal bewusst, wie viele Arbeitsplätze in einer ansonsten armen Region an der Gemüseproduktion hängen.

Dann kommen wir an vielen Kisten mit einzeln in Plastik verpackten Paprikaschoten vorbei. Mich gruselt es ein wenig, aber der Lagerleiter erklärt uns, dass das von den Kunden so gewollt sei – genauer gesagt: Kunden in Finnland, und auch in Island. Bis nach Finnland sind die Paprika schon mal bis zu 12 Tage unterwegs im worst case, und wenn sie dann ggf. noch ein bisschen im Supermarkt liegen, wäre die Chance, dass etwas gammelt, einfach zu hoch. Nach Island ist es noch schlimmer, da die Paprika dann noch eine Schiffsreise aus Kontinentalskandinavien zurück legen müssen.

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Manchmal ist es gar nicht so einfach, ganz Europa mit leckerem Frischgemüse zu versorgen.

Sind die Paprika (und Zucchini) dann gepackt, kommen sie auf Paletten in die Kühlzonen. Es dauert bis zu 48 Stunden, bis die Gemüse die Transporttemperatur von ca. 5-7 Grad C erreichen, besonders an heißen Erntetagen. Für dringliche Lieferungen gibt es auch ein paar Kühlbuchten mit Schnellkühlsystem. Kühl und frisch im LKW begeben sie sich dann auf die meist lange Reise gen Norden.

Wie das denn mit dem Transport sei, will ich wissen. Es fällt auf, dass eine gut ausgebaute Autobahn sich die Küste entlang zieht, und ich kann mir vorstellen, was sich an Schwerverkehr hier hinaufwälzt. Ja, das sei schon ein Problem, antwortet man mir, und die Region fordere seit Jahrzehnten einen besseren Ausbau der Bahnstrecke nach Norden, aber da der spanische Staat pleite ist, ist mit solchen Infrastrukturmaßnahmen wohl vorerst nicht zu rechnen. (Und an der französischen Grenze und bei uns würde dann evtl. doch wieder umgeladen). Das Problem, dass Almería von, beispielsweise, Hamburg 2.000 km Luftlinie entfernt ist, lösen auch keine Infrastrukturmaßnahmen.

Die Abnehmer bei Murgiverde sind hauptsächlich Direktkunden, wie ich das ja auch aus Holland kenne. Tatsächlich werden in Südspanien Obst und Gemüse aber auch noch verauktioniert, und so eine Auktion schauen wir uns auch noch an.

almeria auktion

Das Ganze ist eher unspektakulär – die Bauern der mit dem Auktionshaus verbundenen Genossenschaften liefern ihre Ware, hier: Tomaten, an, und am Morgen wird verauktioniert. Die Preise werden fallend auf einem Display angezeigt (niemand der laut monoton Zahlenreihen in rekordverdächtigen Geschwindigkeiten herunterrattert), die Einkäufer sind ein festes Grüppchen von immer wieder kehrenden Beauftragten von Märkten und Supermärkten. Die normale lang lagernde Supermarkttomate, rund, geht heute für ca. 30-40 Cent das Kilo raus, der einzige Ausreißer ist die RAF-Tomate, eine regionale Spezialität, die mit leicht brackigem / salzigem Wasser gegossen werden kann, und sehr würzig schmeckt – für bis zu 2,70 das Kilo. Die Tomaten werden hier begutachtet und noch am gleichen Tag mitgenommen, wer hier kauft, sollte also den Spediteur direkt zur Hand haben. Die umgeschlagenen Mengen sind allerdings niedrig verglichen mit den direkt vertriebenen Gemüsen.

Was mir als Fazit bleibt: Die grüne Revolution in Almería hat bewiesen, dass man aus einer Krise, wenn alle am selben Strang ziehen, erfolgreich und gestärkt hervorgehen kann. Die Region ist immer noch stark im Wandel zu einem nachhaltigen, gesunden Gemüseanbau (für die Produzenten wie die Konsumenten), und die Produkte müssen sich vor denen aus Holland oder anderen Anbauländern nicht verstecken.

Das größte Problem, das ich mit Obst und Gemüse aus Spanien habe (neben der Problematik des Wasserverbrauchs), ist der Transport über 2.000 km oder mehr zu den Verbraucherländern. Aber realistischerweise lässt sich dieses Problem nicht wirklich lösen – 500 Millionen Menschen in der Europäischen Union möchten ernährt werden und gutes, gesundes Gemüse essen können. Und sehr viele Menschen in Spanien verdienen ihren Lebensunterhalt damit, das möglich zu machen.

Ich werde auch weiterhin regionales Obst und Gemüse essen, meine Sommertomaten von der eigenen Terrasse und Hamburger Bauern beziehen, und auch auf Paprika und Tomaten und Gurken aus Holland zurückgreifen – einfach weil die Niederlande 1700 km näher an mir dran sind als Südspanien. Aber mir ist auch klar, dass die Niederlande nicht ganz Europa versorgen können (und manche Produzenten dort mit Waren aus Spanien ihre Bestände auffüllen) – und das Gemüse aus Andalusien wird heute mit vorbildlichen Anbaumethoden sicher und nachhaltig erzeugt, und ist sonnengereift und lecker. In diesem Sinne:

¡Buen provecho!


Die Pressereise zu den Gemüseproduzenten in Andalusien wurde durch die ROOS Agentur für Markenaktivierung, Bonn, möglich gemacht – in Zusammenarbeit mit der EU-Initiative “We Care You Enjoy”. Die von der Europäischen Union und dem spanischen Wirtschaftsministerium geförderte Kampagne ist auf drei Jahre angesetzt und informiert über Anbaumethoden und Qualitätssicherungsmaßnahmen des in den Provinzen Almería und Murcia angebauten Gemüses. Ziel ist es, das Vertrauen der Konsumenten in den Verzehr von frischem Gemüse wieder auf das Niveau vor der EHEC-Krise zu bringen.

Organisiert und begleitet haben das Ganze Hans-Jürgen Ploenes Mercadé und Maribel Amat Martínez sowie wechselnde Begleiter von Hortyfruta, Agrobio, Murgiverde und den Genossenschaften der Region – mit sehr viel Liebe zum Detail und Spaß an der Sache – herzlichen Dank!

Appetit bekommen? - Hungry for more?

5 Antworten

  1. Shermin sagt:

    Spannender Einblick. Danke. 🙂

  1. 7. Februar 2014

    […] Aus dem Süden: Wie kom­men Paprika aus Spa­nien in die Super­märkte nach ganz Europa? Die­ser Frage geht Petra von Food­freak in Anda­lu­sien nach. In ihrer Repor­tage erklärt sie, warum kleine Paprika vor­wie­gend nach Groß­bri­tan­nien ver­schifft wer­den, warum die Paprika mit­un­ter ein­zeln in Folie ein­ge­schweißt sind, und warum sie selbst auf spa­ni­sche Paprika ver­zich­tet. Food­freak […]

  2. 31. Dezember 2014

    […] In Almería, bei den Gemüsebauern Europas. […]

  3. 4. August 2016

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