Die Grüne Revolution von Almería

Dieser Artikel wurde zuletzt am 3. Februar 2017 aktualisiert

almeria-folienhaeuser

Der eine oder andere hat vielleicht schon eins der Google-Maps-Fotos der Region Almería gesehen. Normalerweise überkommt einen dann so ein bisschen Schaudern. Noch etwas unwirklicher wirkt es allerdings, wenn man sich Almería aus der Luft nähert, und es tatsächlich so ausschaut. Das mar del plástico, das Meer aus Plastik, erstreckt sich über ca. 30.000 Hektar, die das Flachland bis zu den Randausläufern der Sierra Nevada zu bedecken scheinen.

In der Wikipedia steht zu Almería:

Der wichtigste wirtschaftliche Faktor ist die landwirtschaftliche Produktion in Gewächshäusern. Jedes Jahr werden Millionen von Tonnen an Gemüse und Obst nicht nur innerhalb Europas sondern auch weltweit exportiert. Die Intensivkultur ist auch für die Bezeichnung mar del plástico (dt. Plastikmeer) verantwortlich. Es handelt sich dabei um die weltgrößte Konzentration von Intensivkultur. Diese Kulturen bedecken in Almeria 350 km² und erwirtschaften 80 % der spanischen Gemüseexporte. Die Arbeit in den stark mit Pestiziden belasteten Anlagen wird vor allem von nordafrikanischen Migranten geleistet, aufgrund ihrer unsicheren Rechtslage meist illegal, unter unmenschlichen Wohnbedingungen und zu Dumpinglöhnen. Aufgrund der Billiglöhne und hohen EU-Subventionen im Rahmen der europäischen Transitförderung kann Gemüse aus Almería selbst in Afrika die lokale Produktion preislich unterbieten.

Aber ist das wirklich so? (Die Antwort vorab: die Behauptungen zu Pestiziden, Migranten und Löhnen sind mit Stand 2014 nicht nur falsch, sondern ausgemachter Blödsinn).

Um mir selbst ein Bild zu machen, bin ich einer Einladung der Europäischen Union und des spanischen Wirtschaftsministeriums sowie der Anbauverbände der Region gefolgt, um zu sehen, wie heute Gemüse in Andalusien produziert wird.

In den Foliengewächshäusern Andalusiens

almeria-gurkengewachse

Die Foliengewächshäuser Andalusiens sind zwar Gewächshäuser, haben aber doch ganz andere Features als der Unterglasanbau wie er z.B. in Deutschland oder dem niederländischen Westland praktiziert wird. Während dort das primäre Problem ist, Wärme zu erzeugen und in den Gewächshäusern zu halten, dienen hier die Gewächshäuser zum Schutz vor dem Wind und der Austrocknung, und im Sommer werden die Folien sogar von oben „geweisselt“, d.h. mit einer Kalklösung weiss gepinselt, damit nicht zu viel Licht und Hitze hindurch kommt.

Die Folien innen wie aussen an den Gewächshäusern sind doppellagig und können je nach Bedarf geschlossen oder geöffnet werden, so dass an heißen Tagen der kühlende Meerwind durch die Pflanzen wehen kann, und die stauende Hitze und zu hohe Luftfeuchte abziehen können, an trockenen Tagen dagegen bleiben die Folien unten und halten die Feuchte, und an windigen Tagen schützen sie (notfalls doppelt) auch vor unerwünschter Kälte. Ganz offen sind die Gewächshäuser allerdings nicht – denn in ihrem Inneren tun je Hektar zwischen 4 und 8 Hummelvölker bestäubend Dienst, plus Myriaden anderer Nützlinge, die die ökologische Balance aufrecht erhalten sollen.

Die beiden wohl größten Probleme dieser Gewächshäuser sind das Plastik für die Folien, das etwa 4 Jahre hält, dann müssen sie erneuert werden, und das Wasser. Das Plastik, versichert uns Christian, der uns auf Deutsch etwas zu den Anbaumethoden hier erzählt, ist ein begehrter Grundstoff im Recycling – es ist „first grade plastic“, das noch mehrere Verwertungsdurchgänge vor sich hat. Ganz billig ist das sicher nicht, den Kunststoff alle paar Jahre zu ersetzen, und nachhaltig geht für meine Begriffe auch anders…

Der zweite Punkt: das Wasser. Almería hat den großen Vorzug, auf unterirdische Wasseradern (einen „See“) zugreifen zu können, die aus den Schneeschmelzen verschiedener Gebirgsketten gespeist werden. Das leicht verfügbare und billige Wasser hat allerdings auch dazu geführt, dass man hier – in einer wüstenähnlichen Gegend – damit lange verschwenderisch umging. Die guten wasserhaltenden Eigenschaften der Böden haben das Schlimmste eine Weile hinausgezögert, aber als die Landwirtschaft in der Region im großen Maßstab zu wachsen begann, fand sich Wasser in etwa 6-7 Metern Tiefe. Heute sind es 700, und noch immer ist, so einer der Bauern, das Wasser aus der (selten laufenden) Meerwasserentsalzung „viel zu teuer“.

Immerhin, erfahren wir bei unserem Halt bei Lola Gomez Ferrón, benutzen immer mehr Bauern heute Wasserrückführungssysteme in ihren modernen Gewächshäusern, und im Jahr 2013 hielten sich die Wasserentnahmen und -zuflüsse der Region trotz Produktionsausweitung etwa die Waage. Der Grundwasserspiegel ist allerdings wohl irreparabel abgesunken, und Böden versalzen in einigen Regionen.

Alles grün in Almería?

Ich frage nach den Löhnen, nach den Illegalen. Es ist klar, dass die Frage kommt, es ist klar, dass es darauf eine Antwort gibt, aber sie ist nicht ganz das, was die meisten wohl erwarten. Für die Farmarbeiter wird in Almería ein Mindestlohn gezahlt, tariflich festgelegt, das sind (wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe) 36,40 Euro netto am Tag. Auf einen Neun-Stunden-Tag sind das 4 Euro die Stunde. Das, erklärt mir Christian, verdienen die Marokkaner „da drüben“, man ahnt die afrikanische Küste fast, am Tag. „Damit können wir hier einfach nicht konkurrieren. Und dann kommen die Konzerne, machen da drüben eine Testproduktion, und wir sollen zu dem Preis liefern, das geht einfach nicht.“ Gute Arbeiter will man auch in der engen Industrie Almerías halten und zahlt für bekannte, qualifizierte Kräfte auch etwas mehr.

Die Arbeiter sind Spanier, Marokkaner, viele Rumänen, die zu Boomzeiten als Erntearbeiter mit einfacher sprachlicher Integration herkamen, aber auch Polen, und generell Menschen aus ganz Europa. Immer mehr Spanier aus den Städten drängen in dem krisengebeutelten Land in landwirtschaftliche Jobs; es werden mehr Gewächshäuser neu aufgebaut,  die Pacht in der Region steigt. Landwirtschaft ist keine glorreiche Arbeit, aber es ist Arbeit – und essen müssen die Menschen immer.

Tomaten, koestlich

Eine Leidenschaft für gutes Gemüse: Lola Gomez Ferrón

almeria-lolaDie FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, hat 2014 zum Jahr des Family Farming erklärt, um die immense Bedeutung kleinbäuerlicher Strukturen für die Welt-Nahrungsversorgung zu verdeutlichen und Bewusstsein dafür zu schaffen. Dazu gehört für mich auch, Produzenten zu besuchen, ihre Lebensrealität kennen zu lernen, zu sehen, wo kommt mein Essen wirklich her, und welchen Problemen müssen sich die Bauern stellen?

Lola lebt Gemüse, mit aller Leidenschaft. Das klingt wie ein schreckliches Klischee, aber wenn man sie erlebt, weiss man, es ist nichts als die Wahrheit. Sie produziert auf unter 2 Hektar Fläche Gemüse – wie die meisten hier in der Region. Damit kann man nicht reich werden. Und es ist ein Job, den man 365 Tage im Jahr macht. Lola ist auf der Farm aufgewachsen, als 13jährige wurde sie aus der Schule genommen, um im elterlichen Betrieb zu arbeiten. Sie erzählt, dass von den Bauern ihrer Generation die wenigsten so etwas wie anständige Schuldbildung genossen haben. Das gemeinsame Lernen, die Wissensvermittlung in den hier sehr starken Genossenschaften, hat dann erstmals so etwas wie Weiterbildung ermöglicht – wie überhaupt die Genossenschaften aus Andalusien als wichtiger Antrieb der Entwicklung nicht wegzudenken sind.

Die nächste Generation studiere nun Agrarwissenschaften, erzählt sie, und dass sich dadurch sehr schnell sehr viel ändere, jedenfalls, wenn die alten Holzköpfe dann mal ausgestorben sind. Ich muss lachen, und denke doch dran, dass die Innovationstreiber in Holland, alle in ihrem Alter, Agrarwissenschaften und Maschinenbau studiert haben. Christian übersetzt, und sie sagt: „Klar, aber wir hatten Franco. Ausserhalb Spaniens macht sich wohl keiner bewusst dass uns das eine Generation gekostet hat, die wir hinterherhinken.“

Von Hinterherhinken kann aber gerade in Lolas Gewächshäusern keine Rede sein. Sie war eine der ersten, die auf biologischen Pflanzenschutz setzten, war angeätzt, wenn der Nachbar dann seine Pestizide verbreitete und ihre Nützlinge gleich mit eliminierte, begann, ihre Genossen ebenfalls („sehr langsam“) für die Sache mit dem Pflanzenschutz mit Insekten zu erwärmen. In ihren Gewächshäusern wird weitgehend auf Kokossubstrat gepflanzt, das komplett kompostierbar ist, und ausserdem ein Abfallprodukt aus einer Industrie, die ich mit nachhaltigem Gemüseanbau nun so gar nicht in Verbindung gebracht hätte. „Na, was meint ihr was das sein könnte?“ kitzelt uns Christian.Aber ganz ehrlich; auf Autoindustrie wäre keiner von uns gekommen.

Augenscheinlich werden Armaturenbretter / Cockpits aus Kunststoffen hergestellt, die für die Flexibilisierung bestimmte Kokosfasern enthalten. Die Reste werden zu Kokossubstrat verarbeitet, das zufälligerweise die ideale Unterlage für feinwurzelige Objekte wie Tomaten- und Paprikapflanzen darstellt.

Lola - tomatoes

Lola ist nicht nur Autorin eines schönen Bilderbuchs für Kinder, das die Probleme und Chancen der Gemüsebauern ansprechend erzählt, sie arbeitet darüber hinaus eng mit Forschern zusammen, und so hat sie in dem Schaugewächshaus, in dem sie für Besucher wie uns verschiedene Tomatensorten stehen hat, auch Pflanzen, die mit einem Pilz befallen sind, an denen sie unterschiedliche Behandlungsmethoden in vivo erprobt.

Aus der Zusammenarbeit mit einem Forscher entstand u.a. eine neue, eigentlich verblüffend banal-geniale Technik zur Kräftigung der Tomatenpflanzen in der Anzucht, und auch sonst ist sie eine perfekte Botschafterin des neuen, des grüneren Gemüseanbaus der Region. Hier treffe ich erstmals auf den Enthusiasmus, der mich an den Menschen in Almería die nächsten Tage begeistern wird, ein Enthusiasmus, der nicht aufgesetzt ist, sondern von Herzen kommt – und ansteckt. Wir besuchen einige ihrer Gewächshäuser – Tomaten, fantastische Mini-Paprika (auch hier geht der Trend zu Mini-Gemüsen), Gurken – und beenden den Besuch mit einem (oben zu sehenden) Essen, bei dem wir unsere Lieblingstomatensorten finden dürfen. (Meine ist eine Mini-Kumato).

We Care, You Enjoy

Der primäre Anlass für meine Reise ist die Kampagne We Care, you Enjoy, ein Projekt der Europäischen Union gemeinsam mit den Gemüsebauern Andalusiens und dem spanischen Wirtschaftsministerium. Die Leute sollen mehr Gemüse essen – das ist ein Ziel, das sowohl den Umsätzen dient, als auch der gesunden Ernährung der EU-Bürger. Die Kampagne soll zeigen, dass in Europa, und natürlich besonders in Andalusien, ein Umdenken stattgefunden hat, und dass Gemüseanbau auch in Nachhaltig geht – mit dem Endergebnis, leckeres Gemüse für alle zu liefern.

Das Gesicht der Kampagne ist Esther Schweins, ausgewählt nicht zuletzt, da sie einem größeren deutschen Publikum bekannt ist, und Deutschland nunmal (auch hier) Kunde Nummer Eins ist. Von der deutschen Presse zur „EU-Gemüsebotschafterin“ gekürt, engagiert sich Esther (die auf Mallorca lebt, mit einem mallorquinischen Olivenbauern) sehr für einen nachhaltigen Gemüseanbau, und kennt sich bestens in der Materie aus. Auch ein gestandener Foodie wie ich lernt von ihr noch eine Menge, wie wir beim gemeinsamen Abendessen (mit viel Spaß) feststellen.

Esthers Engagement für das Projekt weit über die vereinbarten Abmachungen hinaus ist nicht nur bei einer Pressekonferenz zur Kampagne sehr  offensichtlich.

presse-hortifrutas

Die Spanier haben sie allesamt ins Herz geschlossen, und gemeinsam ist denen, die ich im Zuge dieser Reise kennenlerne, ihr Enthusiasmus für die gemeinsame Sache, für wirklich gutes, hochwertiges Essen, ihre Begeisterung, und auch ihr Stolz auf ihre Produkte, auf die Veränderungen die sie geschaffen haben, sowie der unbedingte Wille, diesen Weg weiter zu gehen – weil es aus ihrer Sicht keine Alternativen dazu gibt.

Das wichtigste Ziel ist dann auch, den heutigen Verbrauchern (und den Verbrauchern von morgen, vor allem mit Aktionen in Schulen) das Gemüse neu zu zeigen, sie erleben zu lassen, was gesunder, ressourcenschonender, giftfreier Anbau ist, und wie lecker die Gemüse schmecken können. Das größte Hemmnis, auch das höre ich oft auf diesem Trip, ist ein fehlendes Label, das ganz klar kommuniziert „dieses Produkt wurde giftfrei / mit biologischem Pflanzenschutz erzeugt“, ein Label, welches das „grüne Almería“ in das Bewusstsein der Konsumenten bringen könnte.

Ähnlich wie in Holland höre ich, dass es vor allem die (sonst auf Pestizidgrenzwerte panisch bedachten) Supermarkt-Multis sind, die solche Labels nicht wollen, weil sie nämlich sonst nicht bei Produktionsengpässen einfach die billige, schlechter produzierte Ware aus Nordafrika, Griechenland und Türkei anbieten können, ohne dass es die Kunden merken. Cui bono?

Ich als Kunde würde mir solche Labels / Zertifikate sehr wünschen. Bis dahin hilft nur fragen, sich schlau machen…

Hummeln – eine brummende Erfolgsgeschichte

Der nächste Stopp in Almería führt uns zu Agrobío – einer andalusischen Erfolgsgeschichte. Bei Agrobío werden die Hummelvölker gezüchtet, die für gleichmäßige Bestäubung in ausnahmslos allen Gewächshäusern der Region sorgen (und wohl mittlerweile zumindest in den industrialisierten Ländern überall auf der Welt). Ursprünglich mussten sich die Spanier etwas einfallen lassen, als die Verwendung von Hormonen bei der Pollination verboten wurde. Hummeln boten sich für die Region Almería an, da sie auch bei deutlich niedrigeren Temperaturen ausschwärmen als z.B. Bienen, und da die Gewächshäuser hier nicht beheizt werden, herrscht hier keine so konstante Temperatur wie etwa in Unterglasanbau in Holland.

Aber auch in anderen Projekten finden Hummeln immer mehr Anwendung, und decken mittlerweile auch Lücken ab, die das Verschwinden der Bienenvölker hinterlässt – es laufen nicht nur Versuche im Gemüsebau wie in Murcia, sondern z.B. auch in der Kernobstproduktion, bei Aprikosen und auch Mandelbäumen.

Aus der Hummelproduktion für Andalusien erwuchs nach und nach ein weltweites Business. Agrobío produziert Hummeln aus lokalen Hummelarten für Kunden in aller Welt, darunter Japan, USA, Kanada.  Das Fachwissen im Umgang mit Insekten kam ihnen dann auch bei der verstärkten Anwendung von Nützlingen zugute – mit biologischem Pflanzenschutz in den Gewächshäusern kann auf Pestizide verzichtet werden, und Raubmilben und andere natürliche Gegner der Schädlinge (wie Blattläuse und weisse Fliegen) sorgen dafür, dass die Produktion ohne Einbußen und ohne Chemieeinsatz vonstatten gehen kann. Heute produzieren 90% der Gemüsebauern in Almería mit biologischem Pflanzenschutz. „Und die restlichen 10% kriegen wir auch noch.“ Allerdings gehört der Markt nicht Agrobío ganz allein, aber 25-30% der Kundschaft kaufen bei ihnen.

Agrobio - Bumblebees

Der Gang durch die Hummelproduktion ist sehr interessant, ich halte mich allerdings doch zurück, da ich Bienengiftallergikerin bin. Zwar wird mich der Stich einer gereizten Hummeldame nicht umbringen, aber ich habe einen Heidenrespekt vor um mich herum schwirrenden brummenden Insekten… 😉

Zur Entwicklung von Agrobio (die sich mit großen Playern wie Koppert messen können) gibt es ein recht informatives Video:

In der Produktion arbeiten hier die wenigsten Mitarbeiter – viel wichtiger sind die Bereiche Research & Development, und vor allem die vielen Beobachter vor Ort in den Anbauregionen, die gemeinsam mit den Kunden auftretende Probleme erfassen und so das Rohmaterial liefern, auf dem die nächsten Strategien gegen Schädlinge und Erkrankungen der Pflanzen aufgebaut werden können.

Agrobio bumblebee production

Mehrfach, so erzählen uns die Chefs von Agrobío, gab es übrigens Versuche, das Unternehmen aufzukaufen – mal verdeckt, mal deutlich. Üblicherweise aus der Pestizidindustrie… ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die grüne Revolution

Von der Produktion über die Verpackung (dazu demnächst noch ein eigener Bericht) bis hin zur Entsorgung von alten, verbrauchten Pflanzen und Kokossubstraten reicht die Kette, die eigentlich ein Kreislauf ist, denn am Ende steht zunehmend eine Kompostierung, wie wir sie beispielhaft bei vellsam sehen können. Mit den guten amerikanischen roten Kompostwürmern wird hier auf freiem Feld in einem mehrmonatigen Prozess alles, was an kompostierbaren Abfällen so aus den Gewächshäusern kommt, in Dünger verwandelt, der dann wieder in die Gewächshäuser geht. Für die modernen Bewässerungs- und Nährstoffsysteme wird auch eine flüssige Version erzeugt. Wie fast alles hier in der Region ist die Kompostierung eine genossenschaftliche Unternehmung, und die Wertschöpfung bleibt so quasi „in der Gemeinde“ und das umgesetzte Geld in der Region, und die Zusammenarbeit kommt allen zugute. Es hat eine Weile gedauert, bis die Bauern darauf vertrauten, dass ihnen der Kompost keine Tomatenerkrankungen oder ähnliches überträgt, auch hier sind alte Köpfe an Entscheiderstellen, doch die Tatsache, dass der Spezialkompost etwa 10 Mal wirksamer ist als handelsüblicher Dünger, hilft bei der Überzeugung gewaltig.

Man sieht also: von der Aufzucht der Pflanzen, über den biologischen Pflanzenschutz (und die Hummelbestäubung) in den Gewächshäusern, bis zur Produktion von Dünger aus den eigenen Abfällen wird hier ein nachhaltiges, ja beinahe „ökologisches“ Wirtschaften betrieben, dessen entscheidender Vorteil ist, dass Produzenten wie Konsumenten sich keine Sorgen um Pestizide machen müssen. Und auch E-coli-Verseuchungen wie die berühmte EHEC-Epidemie (deren Quelle bis heute unklar ist) können hier nicht auftreten, überall wird penibel sauber und in den Gewächshäusern und der Weiterverarbeitung mit Handschuhen und Mundschutz gearbeitet. Es sei denn, es ist ein schwarzes Schaf dazwischen. Ein schwarzes Schaf, das haben die Bauern in Andalusien gelernt, kann sie alle Millionen Euro – und ihre Existenz – kosten.

almeria nachhaltig

Aber diese Lektion war es auch, die die grüne Revolution in Almería letzendlich so vorangetrieben hat. Und wie in Holland höre ich hier oft: „Eigentlich produzieren wir Bio-Waren. Die besser sind als Bio. Wir dürfen es nur nicht draufschreiben.“

Zu guter Letzt, weil ich schon so schön mit dem Wikipedia-Zitat eröffnet habe, noch ein paar Zahlen von heute hinsichtlich der Nutzung des biologischen Pflanzenschutzes in der Region – oder, wie Lola sagen würde: „Wenn dann die letzten Sturschädel ihren Betrieb Jüngeren übergeben haben, werden es alle sein.“

almeria-pflanzenschutz

Die Wende in Almería mag nicht freiwillig gekommen sein – das ist eine Lektion, die man lernen kann: nur die Verbote mancher Produktionsmethoden und, man kann es nicht anders sagen, auch die durch die EHEC-Krise ausgelöste wirtschaftliche Katastrophe, haben den Produzenten kaum eine andere Wahl gelassen, als radikale Änderungen vorzunehmen. Das Ergebnis allerdings ist ein (weitestgehend) vorbildlicher Gemüseanbau mit modernsten Methoden, die beständig und Hand in Hand mit den Forschern an den Universitäten weiterentwickelt werden.

Die Gemüsebauern in Andalusien sind – mit etwas Verspätung – im 21. Jahrhundert angekommen, und das ist zu ihrem und unserem Besten. Nur das Wasserproblem, das wird sich nachträglich dank abgesenkten Grundwasserspiegels und versalzener Böden nicht lösen lassen. Aber vielleicht gibt es ja noch ein paar neue Ideen, die helfen, Südspanien wieder zu einem grünen Gemüsegarten Europas zu machen. Zu wünschen wäre es.

Mein Fazit zu den Gemüsen aus Spanien liefere ich euch auch noch, versprochen – in einem weiteren Artikel in ein paar Tagen.


Die Pressereise zu den Gemüseproduzenten in Andalusien wurde durch die ROOS Agentur für Markenaktivierung, Bonn, möglich gemacht – in Zusammenarbeit mit der EU-Initiative “We Care You Enjoy”. Die von der Europäischen Union und dem spanischen Wirtschaftsministerium geförderte Kampagne ist auf drei Jahre angesetzt und informiert über Anbaumethoden und Qualitätssicherungsmaßnahmen des in den Provinzen Almería und Murcia angebauten Gemüses. Ziel ist es, das Vertrauen der Konsumenten in den Verzehr von frischem Gemüse wieder auf das Niveau vor der EHEC-Krise zu bringen.

Organisiert und begleitet haben das Ganze Hans-Jürgen Ploenes Mercadé und Maribel Amat Martínez sowie wechselnde Begleiter von Hortyfruta, Agrobio, Murgiverde und den Genossenschaften der Region – mit sehr viel Liebe zum Detail und Spaß an der Sache – herzlichen Dank!

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

9 Antworten

  1. Was für ein spannender Artikel! Vielen Dank für deinen Einblick und die vielen (oft neuen) Informationen zum Thema.
    Ich bin schon sehr auf dein Fazit gespannt!

    Viele Grüße,
    Maja

  2. Nadja sagt:

    Vielen Dank für deinen aufschlussreichen Bericht. Ich habe bis jetzt ja Gemüse aus Spanien gemieden wie die Pest, auch wenn es mich gerade im Winter schon nach Paprika gelüstet. Dass man auch in Almeria umdenken muss und jetzt auch tut, ist schön zu lesen! Ich bin schon gespannt auf dein Gemüsefazit.

    Liebe Grüße
    Nadja

  3. Sabine sagt:

    Großartiger Artikel und ermutigende Einzelheiten! Ich wünschte, so detaillierte Einblicke in die Realität auch der sogenannten „industriellen“ Landwirtschaft gäbe es öfter, auch wenn das bedeutet, dass man nicht länger in Schubladen „guter“ und „böser“ Lebensmittel denken kann. Was Konsumentscheidungen ja nicht einfacher macht.
    Apropos: Selbst wenn es ein Almería-Siegel gäbe: Auch zu durchschauen, was hinter den vielen Siegeln im Supermarkt (unter denen sich ja auch diverse marketingstrategische Pseudosiegel befinden) steckt, ist nicht so einfach.

  4. Simone sagt:

    Ein sehr umfangreicher und informativer Artikel, der seinesgleichen sucht… Ich verfasse gerade eine Seminararbeit zu dem Thema Grünhauslandwirtschaft in Almeria und die hier gegebenen Infos würde ich gerne dort einbauen, denn ein Erfahrungsbericht würde das ganze viel interessanter gestellten. Es wäre möglich diese Seite als Quelle zu verwenden, wenn ich die Infos über den Verfasser vorlegen kann. Ist das möglich? Ich würde mich sehr freuen und danke schon mal im Vorraus!

    • FoodFreak sagt:

      Hallo Simone, von meiner Seite aus bestehen keine Einwände dagegen, dass du den Blogbeitrag als Quelle für deine Arbeit benutzt. Bitte mach dir dabei aber klar, dass dieser Bericht von mir nur eine Momentaufnahme ist, und natürlich die EU bzw. die entsprechenden Marketingleute der Region uns nur „die schönen Seiten“ gezeigt haben. Ich kann also nicht behaupten, wirklich „hinter die Kulissen“ geschaut zu haben im Sinne eines kritischen Journalismus. Ich fand aber die dortige Entwicklung (auch weil ich die moderne Landwirtschaft im holländischen Unterglasbau gesehen habe) sehr faszinierend.

      • Simone sagt:

        Dankeschön für die Antwort. Natürlich ist mir klar, dass es sich dabei um eine Momentaufnahme handelt und die dunklen Seiten nicht gezeigt werden. Ich finde vor allem die Infos über die Kompostierung und die Bestäubung mit den Erdhummeln sehr interessant, da sie gute Beispiele sind, dass es Alternativen gibt und diese auch Anwendung finden. Schließlich will ich das Thema von beiden Seiten beleuchten. Vielen Dank nochmals

  1. 5. Februar 2014

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