Slow Food Genussführer Deutschland 2014

Dieser Artikel wurde zuletzt am 16. August 2015 aktualisiert

Slow Food Genussführer Deutschland 2014

Manchmal, wenn ich so mit dem Liebsten unterwegs bin und auf die Karten der gastronomischen Betriebe schaue (ich weigere mich bisweilen, diese als Restaurants zu bezeichnen), komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wie viele davon wohl ihr SchniPoSa-Programm nur frittieren – aufwärmen – mit Fertigsaucen übergießen. Zu viele, wie wir immer wieder feststellen müssen.

Die Wahl eines annehmbaren Restaurants (und das muss keineswegs immer Sterneküche sein) ist, gerade ausserhalb der eigenen comfort zone, entweder ein Glücksspiel, oder man hat liebe Freunde die man nach Tipps fragen kann, oder man liest gefühlt tagelang Restaurant-Reviews, aber selbst die helfen ja nicht immer weiter.

Deswegen fand ich es sehr freundlich von oekom-Verlag, dass sie mir ein Exemplar des Slow Food Genussführers Deutschland 2014 zum Rezensieren überlassen haben.

Auf dem Cover steht:

300 Gasthäuser getestet und empfohlen von SlowFood® Deutschland

Wenn man die (sehr unterschiedlich gepflegten) Websites der deutschen Slowfood-Convivien kennt, fällt sehr schnell auf, dass das hier im Prinzip die gesammelte Printausgabe der Tipps von Slowfood Deutschland ist. Deswegen muss man sich klarmachen, dass wo Slow Food draufsteht, auch (nur) Slow Food drin ist. Will heissen: Anbieter, die nicht Mitglieder bei Slow Food sind, tauchen hier nicht auf, auch wenn sie sich ansonsten identischen Prinzipien verschreiben. Das ist nicht falsch, aber doch schade, und man sollte es im Hinterkopf behalten.

Jedes einzelne Gasthaus – die Auswahl reicht vom einfachen Odenwaldgasthaus mit Äppler und Kochkäse bis zu „feinen“ Adressen wie dem Restaurant Nil in Hamburg – wird mit Lage, einer Beschreibung der Räumlichkeiten und einer Auswahl der angebotenen Spezialitäten vorgestellt. Wünschenswerte Informationen von Barrierefreiheit über Preisniveau, Zahlungsarten bis zu Öffnungszeiten und Kontakt wie Internetpräsenz sind übersichtlich in einem Kasten vorangestellt.

Das Buch ist nach Bundesländern unterteilt, mit einfachen Übersichtskarten, die die ungefähre Position der aufgeführten Betriebe zeigen. Die Adressen innerhalb der Kapitel sind dann alphabetisch nach Ortsnamen sortiert, ausserdem gibt es am Ende einen alphabetischen Ortsindex.

Leider merkt man der Auswahl an, dass zum einen bestimmte Convivien sehr aktiv sind und andere nicht, zum anderen ein gewisses Süd-Nord-Gefälle zu bestehen scheint – so ist der (mir gut bekannte) Bereich Odenwald zum Beispiel sehr gut vertreten, in Norddeutschland dagegen dünnt das Ganze sichtlich aus, und am Bodensee findet sich fast gar nichts in dem Buch, das überraschte uns dann doch.

Die vorgestellten Restaurants haben sich handwerklich gemachten, lokalen und saisonalen Zutaten und Gerichten verschrieben und verzichten auf Fertigprodukte. Das eine oder andere haben wir schon getestet, und waren zufrieden. Genau so etwas suche ich, wenn ich unterwegs bin, und so wird dieser handliche Genuss-Guide im feucht abwischbaren Softcover auch einen Stammplatz in unserem Auto haben im kommenden Jahr.

Für die nächste Ausgabe wünsche ich mir – neben mehr Restaurants auch in weniger dicht ver-slowfood-eten Regionen – ein zweites Lesebändchen, mit dem sich dann mehr als eine Option markieren lässt. Das sollte bei dem Preis von 19,95 Euro eigentlich drin sein. (Oder ein Schnecken-Lesezeichen als Add-on in einem schönen Bundle vielleicht?)

Als Foodie kann ich nur sagen: nützlich, empfehlenswert – und vielleicht auch eine schöne Last-Minute-Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

Appetit bekommen? - Hungry for more?

5 Antworten

  1. Martin Fuchs sagt:

    Lieber Schreiber dieser Replik auf den Slow Food Genussführer,
    Es stimmt nicht, dass nur Mitglieder von Slow Food Deutschland e.V.
    in den Genussführer aufgenommen werden.
    Die Testesser sind aber Mitglied bei SFD. Diese testen die Lokale inkognito und zahlen ihre Speisen selbst. Getestet wird nach selbsgegebenen Kriterien. z.B. die Verwendung von Geschmacksverstärkern
    oder Hefeextrakte kommt einem KO gleich.
    Aufgenommen wird ein Lokal, wenn der Koch überwiegend regionale Produkte verwendet und eine frische und saisonale Küche auf den Teller bringt. Bevorzugt werden auch Lokale die daneben auch regionale Speisen bzw. Rezepte umsetzt. Wichtig ist auch der gute Geschmack der Speisen und die Qualität der Zutaten. Diese sollten
    „gut, sauber und fair“ sein.
    Grüße aus dem Convivium Rhein-Mosel
    Martin Fuchs

  2. Wieland Schnürch sagt:

    Hallo lieber FoodFreak,
    natürlich freuen wir uns über jede – auch kritische – Besprechung des Buches. Ein Punkt bedarf allerdings der Klarstellung:
    Weder muss der Wirt/Koch Mitglied bei Slow Food sein, um in das Buch aufgenommen zu werden, noch kann man sich die Aufnahme in den Genussführer durch eine Mitgliedschaft bei Slow Food „erkaufen“.
    Die Mehrzahl der besprochenen Lokale sind in der Tat keine Slow Food-Mitglieder.
    Richtig an Ihrer Kritik ist aber, dass bei einem Verein von ausschließlich ehrenamtlich Tätigen die Aktivitäten regional durchaus unterschiedlich stark ausfallen können.
    Wir hoffen, das aber schon mit der nächsten Ausgabe deutlich verbessern zu können.
    Viele Grüße
    Wieland Schnürch
    (Slow Food Deutschland, Mitherausgeber)

  3. Elmar Friedrichs sagt:

    Hallo Foodfreak,
    der Genussführer scheint mir eher eine Empfehlung unter Freunden zu sein, die sowieso immer zusammen in der Kneipe sitzen – anders kann ich mir jedenfalls die Empfehlungen z.B. im Badischen nicht erklären, seit wann sind Ananas, Tiefseegarnelen und spanisches Fleisch regionale Produkte oder „Grand beef premium“ und die meisten Weine sind nicht badische Tropfen, sondern aus den “ Nachbarländern“ Argentinien und co.
    und wenn dann auf einigen Speisekarten mit Fußnoten gearbeitet wird, die auf Geschmacksverstärker hinweisen, wirds ganz toll.
    Nein, nein der Italienische Slowfoodführer gehört in jedes Auto, der Deutsche auf keinen Fall, dann eher auf jeden Fall der Abel im Südwesten….
    Elmar Friedrichs
    ( kein Slowfoodmitglied, nur Gutesser)

    • Klaus Flesch sagt:

      Hallo Herr Friedrichs,

      ich bin hier im südbadischen seit mehreren Jahren mit der Freeiburger Testgruppe unterwegs und kann ihre Aussage nicht verstehen. Wenn ein Lokal Geschmacksverstärker oder Fertigsaucen verwendet, dann kann es nicht in den Genussführer kommen.

      Natürlich kommt es dabei auch auf die Gesamtsituation der Speisekarte an, wenn da zum Beispiel auf der kleinen Vesperkarte ein Toast Hawaii mit Ananas drauf ist, muß das noch kein K.O. Kriterium sein.

      Die lokale Wirtshauskultur zu erhakten ist das Ziel des Genussführers und ich glaube, das dies bei den Lokalen die ich kenn gut gelungen ist. Das es noch mehr davon gibt ist übrigens unbenommen, der erste Osteria Führer in Italien (ja ich hab da noch so ein Exemplar im Schrank) unterscheidet sich von den heutigen Exemplaren auch.

      Ach und zum Thema Abel kann man auch eine eigene Meinung haben.

      Klaus Flesch
      Slow Food Mitglied und Testesser in Freiburg

  4. Otto Hassis sagt:

    Ich bin froh, endlich einen Restaurantführer zu haben, ohne durch Empfehlungen von Passanten nur in (fast-) Sternegastronomie mit internationaler Edel-Einheitsküche geschickt zu werden. Da bekam ich in meinen 70 Lebensjahren z.B. auf Empfehlung eines Einheimischen in einem Gasthaus in Zons bei Dormagen meinen mit großen Abstand schlechtesten „Rheinischen Sauerbraten mit lascher Beutelsauce“ ! Ein zweiter Versuch in einem anderen Restaurant war auch enttäuschend, bis ich zufällig das Lokal Torschänke oder so ähnlich fand.

    Mit dem Genussführer wäre mir das nicht passiert. Wohl wissend, dass Gasthausküchen nicht Jedermann schmecken müssen und Qualitätsschwankungen bei einem Kochwechsel sich stärker auswirken als in einer überteuerten Sterneküche.

    Nachdem ich von Herrn Friedrichs schon mal (wo ?) einen ähnlichen Beitrag las, frage ich mich, ob er ein Restaurant hat und neidisch ist, weil er nicht drin steht, oder ob ihm gute, bezahlbare, nicht hochgestochene Gasthauküche zu bieder ist ? Es lebe die Schickimicki.

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