Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte

Dieser Artikel wurde zuletzt am 1. September 2015 aktualisiert

Michael Pollan, den die New York Times einmal als liberal foodie intellectual bezeichnete, ist einem größeren Publikum durch seine beiden Bücher In Defense of Food: An Eater’s Manifesto (deutsch: Lebens-Mittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn) und The Omnivore’s Dilemma (deutsch: Das Omnivoren-Dilemma: Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde) bekannt. In letzterem befasst er sich ausgiebig mit dem Siegeszug des subventionierten Mais in der amerikanischen und weltweiten Lebensmittelindustrie, und generell kann man ihn wohl als einen der wichtigsten Kritiker der Nahrungsmittelindustrie betrachten.

2009 veröffentlichte er dann Food Rules. An Eater’s Manual, ein handliches Büchlein, das den von der komplizierten Welt der Lebensmittel verwirrten Kunden ein paar einfach zu befolgende Ratschläge an die Hand geben soll, wie sie gesund, umweltschonend und bewußter essen und leben können. Im Kunstmann-Verlag ist soeben die fröhlich-bunt von Maira Kalman illustrierte Sonderausgabe des Büchleins erschienen, als 220 Seiten dickes Hardcover-Buch mit Schutzumschlag.

Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte: Goldene Regeln für gute Ernährung, von Michael Pollan, illustriert von Maira Kalman

Credo des Buches ist, wie vielfach im Web zitiert:

Eat food, not too much, mostly plants.

und damit lässt sich auch der größte Teil der Philosophie von Pollan zusammenfassen.

Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, dieses Buch zu mögen, obwohl – oder vielleicht weil – ich mit dem Autor und seinen Thesen (aus anderen Büchern und Kontexten) so meine Probleme habe. Denn im Grunde vertritt Pollan hier all das, was ich selbst auch propagieren würde: esst richtige Nahrung, lasst die Finger von Lebensmittelzusatzstoffen, kocht selbst, kauft euer Essen nicht an der Tankstelle, genießt euer Essen, esst nichts was nicht verderben kann – wobei der Autor bzw. seine Übersetzerin die Leser konsequent-deutsch siezt, was dem Ganzen für mich eine seltsam dozierende Konnotation verleiht.

Insgesamt 83 Regeln listet das Buch auf, die vom Banalen („Ein bißchen Hunger ist in Ordnung“) über das Plakative („Was durch das Fenster Ihres Autos zu Ihnen gelangt ist kein Lebensmittel“) bis zum Profunden („Meiden Sie Nahrungsmittel, für die im Fernsehen geworben wird.“) reichen. Eingestreut sind die von Pollan schon bekannten Angriffe auf die „Lebensmittelwissenschaft“ (im Original steht „faulty food science“) und eine generell eher als wissenschaftsfeindlich einzuschätzende, konservative Grundhaltung, die manche seiner Kritiker auch als „food darwinism“ bezeichnen – entweder man mag den Stil, oder man mag ihn nicht. Ich bin von Evangelisten eher weniger angetan. Auf dem amerikanischen Markt läuft sowas aber erfahrungsgemäß gut.

Überhaupt merkt man dem Buch an, dass seine Tipps für den US-Amerikaner geschrieben wurden, wenn sie auch durchaus in Europa genauso anwendbar sind. Neue Ideen und Erkenntnisse sucht man bei der Lektüre jedoch vergebens – die Ratschläge hätten auch in einen dreiseitigen Artikel eines beliebigen Frauenmagazins oder Ökoblattes gepasst, wären sie nicht mit viel schön formuliertem Text drumherum aufgebläht. Vor allem aber hat man das alles schon mal gelesen – nicht nur in so ziemlich allen anderen Ratgebern zu Ernährung und ökologisch und politisch korrektem Verhalten, sondern auch bei Pollan selbst, denn Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte ist nichts anderes als ein Neuaufguß einiger kurzer Auszüge aus In Defense of Food.

Ein übersetzerisches Detail am Rande, das mir als Fachübersetzerin natürlich ins Auge sticht: die Übersetzung von HFCS (high fructose corn syrup) als „fructosereicher Maissirup“ liest sich holprig und ist sachlich betrachtet unrichtig; im deutschen Sprachgebrauch sollte hier „Glucose-Fructose-Sirup“ stehen, also das was auch auf den Etiketten unsrer Nahrungsmittel auftaucht. Wie auch der nicht minder holprig ausgefallene Buchtitel (das Original besteht mit Untertitel aus 5 Worten) sich für mich sprachlich eigenartig anfühlt. An so plakativen Sprüchen wie denen vom Titel bleibe ich ohnehin hängen – meine Großmütter, geboren 1909 und 1915, haben sehr viel mehr (und auch industriell gefertigte) Dinge als Nahrungsmittel erkannt, als sich offenbar ein Michael Pollan vorstellen kann. Auch wenn ich weiß was gemeint ist, ist das eine dieser Pollan-typischen Vereinfachungen, die sich als Aphorismus schön machen, aber bei genauerem Hinsehen einer kritischen Analyse nicht stand halten.

Und so würde ich zum Thema dann auch lieber zu Pollans anderen Büchern greifen, die – trotz durchaus diskutabler Thesen – eine Menge lesenswerte Informationen und Denkanstöße liefern, und weniger stark übersimplifizieren.

Für Menschen, die nicht so gern dicke Bücher lesen, und die sich mit dem Thema nachhaltiger Ernährung noch nicht viel auseinandergesetzt haben, mag das Buch eine geeignete und vor allem leichte Lektüre sein. Wer sich allerdings mit dem Thema ernsthaft beschäftigt, wird sich beim Lesen eher langweilen, und fragen, wozu er dieses Buch gekauft hat – das können auch die hübschen Illustrationen von Maira Kalman nicht herausreißen.

Summa summarum: ein Geschenkbändchen der Kategorie preaching to the choir. Wer gern beim Lesen mit dem Kopf nicken möchte, und denken „ja das hab ich ja immer schon gesagt“, der wird das Buch mögen und vielleicht auch gern weiter verschenken, damit auch andere in den Genuß der richtigen ™ Haltung kommen.

Kann man lesen, muss man aber nicht.

Appetit bekommen? - Hungry for more?

3 Antworten

  1. nata sagt:

    Möglicherweise ein kluges Buch oder auch nicht. Aber die Großmutterregel ist wirklich der reinste Blödsinn. Unter den vorangegangenen Generationen gab es wirklich auch etliche, die nie richtig gutes Essen kennen gelernt haben. Meine Großmütter gehörten der Trümmerfrauen-Generation an, die aufgrund von Armut, Elend und nachher auch unter dem Eindruck der Turbowirtschaft der Nachkriegsjahre eine ganz andere Vorstellung von Ernährung hatten, als Herr Pollan sich das vorstellen mag. – Was aber nicht heißt, dass meine Großmütter falsch gelegen hätten. Mit ihrem durchgekochten fetten Essen sind sie beide immerhin über neunzig Jahre alt geworden.

    • FoodFreak sagt:

      Nata: genau das meine ich ja, ist bei meinen beiden Großmüttern nicht anders – die haben Adenauers Ersatzwurst und die Notmargarine genauso erlebt wie die ‚fetten Fleischjahre‘, und sind beide 90 geworden. Und ich kenne es auch von anderen Frauen dieser Zeit dass es z.B. wichtig war dass man (wohl auch aus den Erfahrungen) immer genug Essen auf dem Tisch hatte, und sicher nicht „ein wenig hungrig“ vom Esstisch aufstand…

  1. 19. April 2013

    […] Regeln für gute Ernäh­rung“ weni­ger ange­tan. Food Vege­ta­risch (Rezen­sion), Food­freak (Rezen­sion), n-tv (Infos […]

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