Der Feinschmecker 1/2013

Dieser Artikel wurde zuletzt am 1. September 2015 aktualisiert

2012-12-26-feinschmecker
Freundlicherweise hat mir das Magazin Der Feinschmecker eine aktuelle Ausgabe kostenlos zur Verfügung gestellt, was ich ganz besonders interessant fand, weil in der Januar-Ausgabe 2013 nicht bloß ein ausführlicher Guide zu Deutschlands „besten Winzern“ beiliegt, sondern vor allem auch ein Bericht über das Speisen in Hongkong enthalten ist, wo ich in nicht allzu langer Zeit sein werde — gute Gelegenheit, mal wieder in das Edel-Food-Magazin einen Blick zu werfen.

Der Feinschmecker ist ein Magazin, das ich immer mal wieder in Einzelausgaben kaufe, meistens, wenn eine der berühmten Bestenlisten enthalten ist, wie die besten Bäcker oder Metzger Deutschlands, oder ähnliches. Diese kleinen Heftchen haben für mich meist den größten praktischen Nutzen, während ich – das gebe ich offen zu – schon rein einkommenstechnisch ansonsten nicht die Zielgruppe des Magazins bin.

Das zeigt sich bereits auf den ersten 25 Seiten… aber gehen wir es doch mal systematisch an.

Titelthemen

  • Cava – Spaniens Sekt: Besser denn je und nett zur Brieftasche
  • Steinbutt – König der Fische
  • Hongkong
  • Heino Ferch
  • Berlin – Daniel Achilles vom „Reinstoff“

Die Titelthemen sind im angenehm übersichtlichen und aufgeräumten Inhaltsverzeichnis (mit den Themenbereichen „Reisen“, „Essen“, „Trinken“ und dem Sammelsurium fester „Rubriken“) rot dezent hervorgehoben – gut gelöst.

Der Cava-Artikel stellt 11 spanische Schaumweine zwischen 11,90 Euro und 29,50 Euro vor, mit einem doppelseitigen Foto und 11 Kurzvorstellungen auf der folgenden Doppelseite. Sehr interessant, hilfreich, und mit Bezugsquellen versehen. Mein einziger Meckerpunkt (neben dem ein wenig altmodischen Foto): hier fehlt eine Probierkiste aller 11 Sorten als Exklusivangebot 🙂 – stattdessen wird weiter hinten im Magazin (warum nicht beim Artikel?) immerhin ein 3-er oder 6-er-Karton des Testsiegers angeboten.

Zum auf dem Titel sehr prominenten Steinbutt liefert Christian Lohse zwei sehr schöne und anregend in Szene gesetzte Rezepte, plus drei weitere für St. Pierre, Knurrhahn und Wolfsbarsch. Feine Küche, die Lust macht, sie nachzukochen – sehr gelungen, wenn auch der Steinbutt nicht die ausschließliche Starrolle hat, die man dem Titel entnehmen könnte.

Der Koch des Monats, Daniel Achilles, wird mit Restaurant und Stil persönlich vorgestellt und darf in Rezeptform ein mundschmeichlerisches Menu zum Nachmachen anbieten – auch das gefällt mir sehr gut, insbesondere die gekonnte Food-Fotografie ohne Schnickschnack – das Essen ist der Star.

Das mehrseitige Interview mit Heino Ferch fand ich verzichtbar und ist wohl auch eher dem Film „das Adlon“ geschuldet als der kulinarischen Kompetenz des Schauspielers.

Hongkong beginnt auf Seite 26, mit einem doppelseitigen Panoramafoto der Weltstadt, und zu insgesamt 6 seitenfüllenden Fotoformaten gesellen sich noch zahlreiche schöne Bilder in 5 Seiten allgemeinem Gastro-Artikel, plus zwei spezielle Vorstellungen auf jeweils einer eigenen ganzen Seite: am Ende des Magazins folgt eine Doppelseite knappe Infos zu den vorgestellten Hotels und Restaurants, mit Kartenausschnitten, Preisen, Bewertungen – ein knapper Guide zum Raustrennen und Mitnehmen (oder Scannen und Archivieren).

Der Artikel liest sich spannend, beleuchtet die Nobelgastronomie Hongkongs ebenso wie ein paar der exotischen Faktoren, und stellt Menschen aus der Hongkonger Gastroszene vor. Der Schwerpunkt liegt dabei, dem Stil des Magazins geschuldet, auf der deutlich gehobenen bis luxuriösen Gastronomie. Rein preislich werde ich mich in die meisten der vorgestellten Restaurants wohl nicht verirren; es macht aber auch mir viel Freude den Beitrag zu lesen. – Gut geworden, wenn ich auch die Bildauswahl hier und da für etwas bieder halte.

Und damit werfe ich mal einen Blick auf den Rest des Magazins, allem voran

Die Anzeigen

Nichts sagt mehr über ein Lifestyle-Magazin aus als die geschalteten Anzeigen – insbesondere was die Kaufkraft der angepeilten Leser angeht, deswegen hier nur mal die ersten 25 Seiten des Magazins:

  • 02 – Nespresso (Ganzseiter)
  • 03 – Schramm, Schlafen für Gourmets (Spalte neben dem Editorial)
  • 4/5 – Audi RS8 (Doppelseite)
  • 09 – Miele Kaffeevollautomat (Ganzseiter)
  • 11 – Mercedes CLS Shooting Brake (Ganzseiter)
  • 13 – Christ (Tissot) – (Ganzseiter)
  • 15 – Lavazza Kaffeeautomat (Ganzseiter)
  • 17 – Jaguar XF (Ganzseiter)
  • 19 – Sarah Wiener für Volksbank (Ganzseiter)
  • 21 – Le Gruyère (Ganzseiter)
  • 22 – Johann Lafer für Sparkasse
  • 24/25 – Porsche Carrera 911 4 (Doppelseiter)

Der Rest des Magazins

Ein Blick auf den Inhalt:

2013-01-07-feinschmecker

Der bunte Magazin-Teil auf den ersten Seiten ist eine fröhliche Pinwand aus Kurznachrichten, Buch- und Restauranttipps, und Produktvorstellungen, schnell überblättert, aber auch kurzweilig zu lesen. Mein persönliches Highlight: ein Zitat von Helmut Zerlett über gutes Essen. Hat leider trotz allem das Flair eines der üblichen Produkt-Advertorial-Kurzmeldung-Mashups; eigentlich, finde ich, gehört solcher Content auf eine Website.

Die Weinreise nach Israel und der Kurztrip nach Bad Gastein sind da schon mehr mein Thema und machen Laune, sich beides anzusehen. Das Urgestein Siebeck wirkt im Gegenzug schwer zu ertragen, was weniger am Inhalt der Kolumne liegt als an dem belehrenden Tonfall, den er pflegt – Geschmackssache.

Ein Beitrag über luxuriöse Uhren geht völlig an mir vorbei, und hat zumindest meiner Ansicht nach nichts in diesem Magazin verloren; das ist dann wohl dem Thema „luxuriöser Lifestyle“ geschuldet.

Die Rubrik „Unterwegs“ gehört zum Feinschmecker unverzichtbar dazu; kurze Restaurant- und Hotelempfehlungen, die helfen, Neues zu entdecken oder Altes neu zu bewerten. Die Mischung aus regional/deutsch und international finde ich gut gelungen. Ein wichtiger und gut gemachter Bestandteil des Magazins.

Auf der letzten Doppelseite finden sich dann noch ein paar Zeilen und ein großes Foto zu Erwin Gegenbauer, einem Essigproduzenten aus Wien, genauer ein Zitat von ihm – er erzählt über seinen Eisenofen den er hat handanfertigen lassen und in welchem er sein Brot backt. Zu beidem – dem Eisenofen wie dem Essigproduzenten – würde ich gern sehr viel mehr lesen. Geht das vielleicht. lieber Feinschmecker?

Die besten Winzer und Weine 2013

Schon klar, auf einem 2013er-Magazin muss etwas mit 2013 stehen, aber seien wir ehrlich: gekürt werden hier (diskutabel) die besten Winzer und Weine des Jahres 2012 (und der Jahre davor), da bin ich sprachlich pingelig… Über die Auswahl kann man selbstredend sowieso geteilter Meinung sein.

Für mich hilfreich sind Adressen und Öffnungszeiten nach Region, so dass das Büchlein sich einen festen Platz im Handschuhfach meines Autos sichert, um auf Touren durch Deutschlands Weinregionen mal eben nachschauen zu können, was vielleicht Schönes am Wegesrand zu entdecken wäre. Generell wünsche ich den deutschen Winzern mehr Beachtung im eigenen Land und gute Umsätze. Mit gut 300 Seiten Tipps, auch zu Hotels und Restaurants der Region, ein praktisches Handbüchlein für den Weinreisenden, das ganz klar den Mehrwert an dieser Ausgabe des Feinschmecker darstellt.

Mein Fazit

Ehe ich fast 10 Euro (9,95) für ein Hochglanzmagazin ausgebe, das im Zweifel nach dem ersten Lesen nur knappen Regalplatz wegnimmt, denke ich dreimal nach, zumal ich nicht regelmäßig in noblen Restaurants und Hotels einkehre. Dauerkundin des Feinschmecker werde ich also auch in Zukunft nicht sein. Die guten Reiseberichte und die feine und moderne Küche (zum Selbstmachen) darin haben es mir allerdings angetan, und wären auch weiter ein Grund, mal ein Auge auf das Magazin zu werfen – so denn Extras dabei sind, die es für mich lohnend machen, wie das Wein-Extra, oder hier der Hongkong-Artikel aus gegebenem Anlass.

Für meinen Geschmack dürfte sich das Blatt gern noch ein bisschen verjüngen, aber wie gesagt: ich bin sicher nicht die Zielgruppe. Irritierend finde ich in diesem Kontext auch das völlige Fehlen einer richtigen Website zum Magazin (außer einem mäßig gelungenen Onlineshop), und das Nichtvorhandensein einer stylischen Tablet-Ausgabe – wo doch gerade die global reisenden Gourmets dieser Tage sicher ein iPad in der Reisetasche haben.

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

4 Antworten

  1. drgouda sagt:

    Werde Abonnement Ihres Blogs wegen dieses Werbebeitrags kündigen. Eigentlich schade.

  2. Julia sagt:

    Hervorragende Blattkritik. Gerne gelesen! Mir ist der Feinschmecker oft zu abgehoben – ich gehöre wohl auch nicht zur Zielgruppe (obwohl DINK, also „double-income-no-kids“). Was mir aktuell z.B. in Wiesbaden auffällt, ist die inflationäre Verteilung der Auszeichnung von Läden, die vom Feinschmecker empfohlen werden. Fast jeder Bäcker, Metzger, Schokoladen, Weinhändler hat so eine Empfehlung im Fenster hängen. Da frage ich mich, wie intensiv hier geprüft und bewertet wird – wenn schon in einer Kleinstadt wie Wiesbaden so viele Läden eine Empfehlung enthalten! Oder sitzt einer der Redakteure im Rheingau? Objektiv scheint mir das alles nicht mehr zu sein… Dennoch: Eine Zeitschrift, die ich gezielt kaufe, wenn ein Thema mich besonders interessiert. Aber nicht regelmäßig – da geht es mir wie Dir. Danke für die ausführliche Besprechung (superinteressant: Die Auflistung der Anzeigen!)

    • FoodFreak sagt:

      dass die Auswahl oft nach sehr eigenartigen Kriterien stattfindet ist uns auch schon aufgefallen; ich erinnere mich, dass Frau Küchenlatein die in ihrer Ecke vorgeschlagenen Schlachter für ’soso lala‘ bzw. ‚da geh ich nicht hin / da kriege ich nicht was ich will‘ befunden hatte, während ihre Top-Wahl nicht auftauchte. Ich glaube, WI ist – wie ein Großteil der Region da – überrepräsentiert, das fällt mir auch bei anderen Themen oft auf… viele haben aber eben auch ihre Auszeichnung von anno hastenichtgesehen noch an der Tür pappen 😉
      Die Anzeigen sind wirklich ein ganz eigenes Thema; in dieser Ausgabe tauchten noch mehr Kaffeevollautomaten und -systeme auf; die letzte Seite ist ein Ganzseiter von Relais & Chateaux, die letzte Seite (Außeneinband) der Verband rheinhessischer Winzer.

  3. Nathalie sagt:

    Vielen Dank für die detaillierte Zeitschriftenkritik.
    Sie deckt sich mit meinen Eindrücken der letzten Jahre, wobei ich sicher seit Juli 2012 keine Ausgabe mehr gekauft habe. Tatsächlich greife ich auch nur zu, wenn mich bestimmte, ganz spezielle Themen ansprechen. Das kann Wein sein, aber auch eine „kulinarisches Reiseziel.

    Gerne mehr von solchen Vorstellungen.

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