Bento Basics – Goshiki, und das Prinzip der Fünf

Dieser Artikel wurde zuletzt am 28. August 2015 aktualisiert

Bento Basics - Goshiki, und das Prinzip der FünfNach den beiden ersten Folgen dieser Reihe, die eher praxisorientiert waren, will ich euch heute auf einen kleinen Ausflug in die japanische Philosophie des Bentomachens mitnehmen.

Um eine schöne, interessante, schmackhafte Box zusammenzustellen, muss man diese Prinzipien natürlich nicht berücksichtigen, aber es schadet auch nicht, sie sich einmal zu vergegenwärtigen. Mir helfen diese Ideen dabei, Bentos abwechslungsreicher und sinnlicher zu gestalten.

Im Titel dieses Beitrags ist das wohl wichtigste Prinzip genannt:

Goshiki, oder: die fünf Farben

Der Gedanke kommt aus der Tradition des japanischen Zen-Buddhismus – die fünf Farben sollen für Harmonie in der Ästhetik wie bei der Zusammensetzung der Nährstoffe in der Nahrung sorgen.

Im Idealfall sollte eine Bentobox Lebensmittel in diesen fünf Farben beinhalten; die Farben sind nach japanischem Verständnis

  • Rot / Orange (aka)
    zum Beispiel: Möhren, rote Paprika, orangefarbener Kürbis, getrocknete Cranberries oder Kirschen, Umeboshi, Kindeybohnen, Azukibohnen, Orangen und Clementinen, Erdbeeren, Himbeeren, Tomaten, Lachs, rote Äpfel, rote Shisoblätter
  • Weiss (shiro)
    zum Beispiel: Reis, Tofu, Rettich, Blumenkohl, Kartoffeln, weisse Bohnen, Huhn, helle Fischsorten, Rübchen, helle Sesamsamen, Bohnensprossen, Lauch, Enokipilze, aber auch Kichererbsen und Hummus, weisse Zwiebeln, Birnen, Lotuswurzeln, Milchprodukte (eher unjapanisch)
  • Schwarz / Braun / Violett (kuro)
    zum Beispiel: schwarze Oliven, Tapenade, dunkle Pilze (braune Champignons, Shiitake / Tongu), Schwarzkirschen, Rotkohl, schwarze Sesamsamen, Brombeeren, Blaubeeren, Pflaumen, Aubergine, Algen (Wakame, Hijiki, Kombu), blaue Feigen
  • Grün (ao)
    zum Beispiel: Broccoli, grüne Bohnen, Bok Choy, Spinat, grüne Paprika, Gurke, grüner Spargel, grüne Shisoblätter, Edamame, Kiwi, Staudensellerie, Lauchzwiebeln, Schnittlauch, Grünkohl, Zucchini, Pesto, dicke Bohnen, Rosenkohl, grüne Sprossen
  • Gelb (kiiro)
    zum Beispiel: Ananas, gelbe Bohnen, Mais, Eier, Zitronen, Grapefruit, Bananen, Nektarinen, Pfirsiche

Die modernere Ernährungsmedizin schlägt ja auch vor, man solle abwechslungsreich und farbenfroh essen, um besonders durch die intensiv farbigen Gemüse und Obstsorten mehr der „guten“ sekundären Pflanzenstoffe zu sich zu nehmen. Vor allem aber führt die Umsetzung von goshiki dazu, dass das Essen visuell attraktiv ist, wir es gern essen, und das ist doch auch sehr wichtig fürs Glücklichsein.

In der Anwendung sieht das dann zum Beispiel so aus:

birthday boy bento, by gamene on Flickr


Birthday Boy Bento, by Megan / Bentozen, License: Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Dieses Ideal muss man nicht mit jeder Box erreichen, tatsächlich ist die wohl einfachste aller Bentoboxen eine die nur aus Reis und einer Umeboshi besteht (im Look der japanischen Flagge vergleichbar, weiss mit einem roten Mittelpunkt). Reis und ein Pickle ist das einfachste (Arme-Leute) Essen. Es lohnt sich dennoch, sich ein paar Gedanken über die farbliche Zusammenstellung der Nahrung zu machen.

Einfach nur mit „bunt“ ist es aber nicht getan, wenn auch ein farbenfroher Obstsalat an einem heißen Tag ebenso erfrischend die befriedigend sein kann. Damit keine Langeweile aufkommt, gehört zu einer vollen japanischen Mahlzeit wie einer gut gepackten Bento-Box noch ein weiteres Prinzip:

Goho – Fünf Zubereitungsmethoden

Hier besteht traditionell die Auswahl zwischen Grillen (yaku), Simmern (niru), Dämpfen (musu), Frittieren (ageru), und dem weit gefassten „Machen“ (tsukuru). Kochen, Braten, Schmoren, Sauer Einlegen (Pickles), Rohkost, Backen, Rösten/Toasten, und schließlich auch in der Mikrowelle Garen sind weitere Zubereitungsmethoden die in Frage kommen.

Etwas gegrillter Tofu, gekochter Reis, gedämpfter Broccoli, ein Pickle, und ein bisschen Obst, und man hat fünf Zubereitungsmethoden in einem Essen – und damit auch gleich verschiedene Texturen, die mit unterschiedlichem Mundgefühl für Abwechslung sorgen.

Auf der philosophischen Ebene soll goho die Yin/Yang-Balance einer Mahlzeit garantieren. Wer sich dafür interessiert, dem sei dieses Posting bei Main-Main-Masak-Masak zum Thema empfohlen.

Und weil anscheinend alles in Sätzen von fünf vorkommt, gibt es auch insgesamt fünf Prinzipien bei der Zubereitung einer Bentobox. Das dritte Prinzip ist

Gomi – Fünf Geschmäcker

Die traditionelle Aromenvielfalt (das hot sour salty sweet der asiatischen Küchen) wird in Japan um einen fünften Geschmack ergänzt, und zwar nicht, wie man vielleicht erwarten würde, umami, sondern bitter.

  • Shiokarai (salzig)
  • Suppai (sauer)
  • Amai (süß)
  • Nigai (bitter)
  • Karai (scharf)

Es liegt nahe, dass ein geschmacklich vielfältig zusammengestelltes Essen die Sinne mehr befriedigt als eines mit weniger Aromenvielfalt. Was uns gleich zu Punkt vier bringt:

Gokan – Fünf Sinne

Auch hier müssen nicht alle fünf Punkte unbedingt erreicht werden, aber diese Sinne soll das Essen stimulieren

  • Miru (Sehen)
  • Kiku (Hören)
  • Kaku (Riechen)
  • Ajiwau (Schmecken)
  • Fureru (Berühren)

Zu guter Letzt geht es um die nach buddhistischer Lehrmeinung anzustrebende geistige Haltung, die man beim Essen an den Tag legt, insofern gehört das fünfte Prinzip nicht zur Zubereitung, sondern zum Verzehr der Mahlzeit oder Bento Box, der Vollständigkeit halber führe ich sie hier an.

Gokan no mon – Fünf Standpunkte

Gokan no mon meint im klassischen Zen-Buddhismus die Pfade zur Erleuchtung, hier umzusetzen als

  • Dankbarkeit gegenüber den Personen zu zeigen, die das Essen angebaut und zubereitet haben
  • Die dem Essen innewohnende Lebensenergie benutzen, um damit Gutes für die Gemeinschaft zu tun
  • Positive Gedanken beim Essen zu denken,
  • Sich bewusst zu machen, dass man seinen Körper wie seine Seele nährt mit diesem Essen
  • Ernsthaft an der eigenen Erleuchtung zu arbeiten

Mit anderen Worten: Plant nicht nur eure Bentos bewusst, sondern genießt sie auch bewusst.

 

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

2 Antworten

  1. Bentolily sagt:

    Ach ja, die Theorie… möchte manch eine(r) jetzt denken. Das greift aber zu kurz. Abwechslungsreich,lecker, gesund und appetitlich angerichtet muss Essen sein. Hier trifft meine Praxis (intuitiv gelebt) auf eine gut praktizierbare Lehre und wunderschöne „Fressbüchsen“ = Bentoboxen. Das ist doch okay. Ich/wir habe(n) seit Jahren ein leckeres Essen dabei. Mit etwas Übung und Voraussicht (ich nenne das immer den Bento-Blick) kann man in akzeptabler Zeit/in einigen Minuten eine Mahlzeit zusammenstellen, die Kantinenessen in absolut jeglicher Hinsicht schlägt. Und im dicken Arbeiststress gibt es dann ein Stück „zu Hause“. Das schötze ich.

  2. Ecam sagt:

    Japanisches Essen gehört schon seit langem zu meiner Lieblingsküche. Ich war mir bisher aber nicht der „Gokan no mon – Fünf Standpunkte“ bewusst. Diese bewusste Nahrungsaufnahme verbunden mit empfundener Dankbarkeit finde ich toll.
    Das zu praktizieren bedarf sicherlich einer bewussten und kontinuierlichen Übung, kann aber vielleicht als Teil eines neuen Selbstverständnisses zu einem bewussteren Erleben des sogenannten Alltäglichen beitragen.

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