Offener Brief an gofeminin

Dieser Artikel wurde zuletzt am 30. August 2015 aktualisiert

letters

Liebes gofeminin-Team,

mich und eine Reihe anderer Foodblogger erreichte gestern eine Anfrage aus Ihrem Hause, die mich sehr verwundert zurück gelassen hat.

Und das nicht nur, weil ich dort in einer entzückenden Massenmail nicht mal mit Nachnamen, sondern als „Liebes foodfreak.de-Team“ angesprochen wurde (ernsthaft, mein realer echter Tauf- und Geburtsname ist ganz einfach auf meiner Website zu finden, genau da wo auch die Mailadresse steht, und ich vermute mal soviel Personalisierung kriegt ein professionelles Mailtool noch hin).

Auch nicht, weil unter der Mail eines Portals, das mit dem Slogan „Die Zukunft ist weiblich“ wirbt (auch im Footer ebendieser Mail), ein Mann unterzeichnet, wenn ich mich auch frage, wieso auf einem Portal für Frauen keine Frau unterschreibt.

Verwundert bin ich über die leichtfüßige Dreistigkeit, mit der Sie da serienweise Foodblogger anschreiben, vorgeblich um unsere Blogs in einem Artikel auf Ihrem Portal vorzustellen.

Dagegen wäre gar nichts zu sagen, aber die „Vorstellung auf Ihrer Website“ ist daran gebunden, dass ich Ihnen ein Mailinterview gebe, die Kurzvorstellung selbst texte, mir den Text den ich auf meinem eigenen Blog veröffentliche (oder für Sie schreibe?) von Ihren Redakteuren gnädigerweise genehmigen und ohne mein Zutun überarbeiten lassen soll, und dann, sofern ich so großzügig bin gleich zweimal, einmal generisch und einmal per Deeplink auf Sie zu verlinken, Sie mir vielleicht dafür auch einen Backlink in dieser so genannten Blogvorstellung setzen.

Das war jetzt als Witz gemeint, oder? Anders kann ich mir das wirklich nicht erklären.

Aber vielleicht habe ich nur missverstanden dass Sie mir genehmigen wollen was ich in meinem Blog schreiben darf – sollte ich die Kurzvorstellung für Ihre Seite schreiben sollen, erwarte ich allerdings ein ortsübliches Texterhonorar. Eine kostenfreie Bereitstellung eines Bildes meines „Lieblingsrezeptes“, das Sie veröffentlichen möchten, muss ich ablehnen – gern können wir über ein einmaliges und beschränktes Nutzungsrecht eines Bildes zu entsprechendem Preis reden. Oder das Ganze ist eine SEO-Maßnahme, die, mit Verlaub, nach hinten losgegangen ist.

Ich freue mich, wenn Sie einen Artikel über die lebendige deutsche Foodblogszene bringen möchten – es gibt viel zu entdecken. Es steht Ihnen frei, dabei auf mein Blog zu verlinken, sogar vollkommen kostenfrei. (Im übrigen bevorzugen die meisten Blogger nach wie vor die Bezeichnung „das“ und nicht „der“ Blog, von „das Weblog“).

Den Großteil der von Ihnen per Mail übermittelten Fragen könnten Sie (sich) ganz einfach selbst beantworten, oder diese Tätigkeit einen Praktikanten ausführen lassen, indem Sie sich die Blogs die Sie „vorstellen“ möchten auch tatsächlich einmal ansehen. Das nennt sich Recherche und ist ein altbewährtes journalistisches Arbeitsmittel – probieren Sie’s mal aus, das tut nicht weh. Auch wir Blogger haben nämlich was anderes vor, als unsere Freizeit damit zuzubringen Ihnen umsonst Inhalte zu liefern. Wir schreiben lieber Content für unsere eigenen Webseiten.

Und wenn Sie es eines schönen Tages hinbekommen, Interviewpartner mit Namen anzuschreiben, bekommen Sie vielleicht auch eine Antwort auf die anderen Fragen. Sogar von Foodbloggern.
Ein persönlicher Ansprechpartner statt ein abstrakter Verweis auf „unsere Redaktion“ wirkt in solchen Fällen im übrigen Wunder.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr „foodfreak.de-Team“

 
(Bild: Liz West on Flickr, Lizenz: CC-BY-2.0)

Appetit bekommen? - Hungry for more?

31 Antworten

  1. nata sagt:

    Dankeschön, das war wirklich nötig und da steht auch alles drin. Schade, dass man sich mit sowas überhaupt beschäftigen muss.

  2. Ich kann nur voll und ganz zustimmen. Danke.

  3. Sven sagt:

    Hallo Petra,

    als Ab-und-zu-Leser deines Blogs kommt mir dieser offene Brief gerade recht. Solche namenlosen Anfragen häufen sich, so scheint es, in den vergangenen Monaten. Wie du richtig schreibst, scheint es eine SEO-Maßnahme gewesen zu sein. Gut, dass sie nach hinten los gegangen ist.

    Grüße

    Sven

  4. Thea sagt:

    Super formulierte Antwort. Sollte es eine Reaktion des männlich unterschreibenden Frauenteams geben, wäre eine Veröffentlich natürlich interessant…

  5. egghat sagt:

    Wunderbar!

    Interessant zu sehen, dass die Online-Angebote der klassischen Medienkonzerne auf dem gleichem hohem Ross sitzen wie deren Totholz-Abteilungen. Hätte man eigentlich eher anders erwarten sollen …

  6. lamiacucina sagt:

    Danke für den Aufwand, den Du in deine gut fundierte Antwort investiert hast. Derartige Anfragen landen bei mir normalerweise unbeantwortet im Papierkorb. Und das ist nicht gut, denn von selber werden die Herren der Firma go-masculin nichts merken.

  7. Overkorkt sagt:

    Ganz herzlichen Dank, Du sprichst mir aus der Seele.

  8. Marie sagt:

    Auch bei mir landen solche Anfragen gleich im Papierkorb. Danke, dass Du Dir den Aufwand machst und offen Deine Meinung sagst, welche uns Bloggern alle auf der Seele brennt!

  9. Liebes Foodfreak-Team, vielen Dank, dass ihr euch diese Mühe angetan habt. 😉
    Ich bin immer zu faul, auf solche Mails zu antworten, aber „eure“ Reaktion war ganz sicher besser!

  10. Long Wang sagt:

    SAUBER!

    Ihr sprecht uns aus der Seele.

    Wir bei Everyday Feng Shui haben schon eine schöne Straflizenz an Springer zahlen müssen, weil wir ein Foto aus einem Blog des Hamburger Abendblatts bei uns via „Hotlinking“ eingebunden hatten und erst ANSCHLIEßEND bei der Blog-Redaktion nachgefragt haben, ob die Verwendung des Fotos okay ist (und das, obwohl wie Fotograf genannt und auf die Quelle beim Abendblatt verlinkt haben).

    Zitat aus der E-Mail der Abendblatt-Redaktion als Antwort auf unsere Anfrage: „Nutzung von Bildern ohne Rücksprache mit dem Urheber kostet das fünffache Honorar. Die Nutzung für eine Woche kostet pro Foto 90,– Euro. Da sie zwei Bilder verwendet haben wären das normalerweise 180,– Euro. Eine Rechung über 900,– Euro geht Ihnen in den nächsten Tagen zu! Damit ist die Verwendung für eine Woche frei.“

    Also lieber Food-Blogger. Jetzt wisst ihr, wie viele Einnahmen euch „verloren gehen“, wenn ihr eure Inhalte Springer kostenlos zur Verfügung stellt. Und in unserem Falle ging es lediglich um Bilder…

    Viele Grüße aus Berlin
    Long Wang

    Everyday Feng Shui

  11. Das hat mir den Tag gerettet.
    Solche und ähnliche schwachsinnige Anfragen bekomme ich auch ständig. Bei mir führt das dann auch häufig zu Blogbeiträgen mit „klaren Worten“ in so fern konnte ich mich in Deinem „offenen Brief“ als „Mit-Verfasser“ erkennen!

    Schön geschrieben und zu 100% richtig in der Aussage!

  12. Ulrike sagt:

    Einfach eine klasse Antwort vom “foodfreak.de-Team”, besonders der Hinweis auf die Recherche!

  13. Tatütata sagt:

    Großartig!

  14. Hanna sagt:

    Es wird wohl zur neuen Mode, dass jeder, der mal eine Anfrage einer Redaktion erhält, sofort einen offenen Brief schreibt. Tut mir leid, aber das ist wichtigtuerisch.
    Wenn ihr wie Wir sind Helden eure Meinung frei rausschreibt, bekommt ihr Klicks, jede Menge. Klar. Aber tut nicht so, als würde euch das Interesse an eurer Person (auch wenn es sich um Serienmails handelt) nicht schmeicheln. Ich sehe da Parallelen zu den Leuten, die in der Fußgängerzone von Kamerateams angesprochen werden und sofort à la Kate Moss verdecken und gesenkten, aber stolzen Blickes davonrennen. „Nein, nicht schon wieder diese ganze mediale Aufmerksamkeit“…
    Das war nun auch mal ein offener Brief. Ich hoffe, ihr könnt damit umgehen.

    • admin sagt:

      Ist deine Meinung. Hab ich gar kein Problem mit. Tatsache ist, natürlich schmeichelt mir Interesse an meiner Person (genauer: an meinem Blog.) Genau das sind diese Anfragen aber eben nicht. Sie sind der plumpe Versuch andere umsonst für sich arbeiten zu lassen. Ist es „eitel“ darauf öffentlich zu antworten? Ganz sicher. Nur ändert sich nichts wenn wir es nichtöffentlich tun. Möchte ich dass Blogger für das wahrgenommen werden was sie tun, nämlich mit Liebe und Herzblut über ein Thema schreiben? Ja. Möchte ich mich instrumentalisieren lassen? Nein. Das kannst du mir vorwerfen, das kratzt mich aber nicht. Was mich kratzt sind Leute die meinen ich liesse mich vor ihren Karren spannen, und ja dann mache ich den Mund auf. Und wenn Dir das nicht gefällt, well: es gibt massenhaft andere Leute die du da draussen lesen kannst. Dir muss ich nämlich nicht gefallen, das ist ebenso dein wie mein Recht.

    • aba sagt:

      liebe hanna,
      lass dir auch von anderer stelle gesagt sein: natuerlich wuerde echte aufmerksamkeit schmeicheln. aber das ist es hier genau nicht. das ist eine von wirklich vielen „dummen“ (im sinne von: nicht intelligenten) mails, die man bekommt und sich einfach nur drueber aergert. petra hat es hier oeffentlich gemacht – und das ist gut so. zeigt es doch, dass man (=ich) mit seiner wahrnehmung nicht alleine steht. 😉

  15. Franzi sagt:

    Danke für diesen wundervoll offenen Brief! Ich unterschreib ihn komplett!

    Gruß,
    die Chefin des Gemüseregals!

    🙂

  16. Christina sagt:

    dankeschön. toll und gerade heraus formuliert.

    christina

  17. Daniel sagt:

    Kann nicht mal jemand was programmieren, was Deinen Brief als Auto-Reply an diese ganzen bekloppten E-Mail-Anfragen raussendet?

  18. vera sagt:

    Hallo Petra, in der Sache richtig, aber bitte

    „die Kurzvorstellung selbst texte, mir den Text den ich auf meinem eigenen Blog veröffentliche (oder für Sie schreibe?) von Ihren Redakteuren gnädigerweise genehmigen und ohne mein Zutun überarbeiten lassen soll“

    nicht anmeckern, das ist so üblich. Die Kurzbio, damit das drinsteht, was der Autor wichtig findet, und Redaktion sind die, die redigieren (allerdings nach Möglichkeit nicht umschreiben). Und das ist auch gut so, du würdest es nicht glauben …

    Irgendwer hat den Werbefiffis erzählt, dass Blogs toll sind, und dass sie da jetzt mal „was machen“ sollten. Die Ergebnisse sind tatsächlich in letzter Zeit gehäuft iin der Eingangsmail zu besichtigen, nicht nur bei Foodblogs. Gut, wenn diese Sorte Zunder kriegt; es gibt ja auch viele positive Beispiele.

    • nata sagt:

      Sicherlich ist es üblich, dass die Redaktion Texte redigiert. Du kannst davon ausgehen, dass Petra das sehr gut weiß.

      Dabei ist das Redigieren mittlerweile auch eher selten geworden. Es ist halt einfacher, Agenturmeldungen ungekürzt zu übernehmen.

      Ein Witz ist es hingegen, wenn die Redaktion eines großen Verlagshauses Texte in den Blogs anderer Leute redigiert. Das ist einfach absurd.

      • admin sagt:

        nata, ich gehe davon aus dass das tatsächlich ein Missverständnis bei dieser ohnehin sehr schwer durchschaubaren Mailkommunikation ist… und gemeint ist dass man den Text für die schreibt und die ihn überarbeiten bis er ihnen ins Konzept passt.

        Vera: ja mir ist das wie nata sehr richtig schreibt durchaus bewusst, so wie Dir die generelle Problematik des AndereArbeitenLassens klar sein dürfte; sagen wir es mal so: eine klare Kommunikation was sie wollen wäre hilfreicher gewesen als das was da kam.

        (Interessanterweise behauptet der Unterzeichnende jetzt sinngemäß, dass mein offener Brief ja unfair gegenüber einer Hilfskraft sei die nicht wisse was sie getan habe – well, dann sollte da vielleicht jemand draufschauen der weiss was er tut, besonders wenn jemand anderer unterschreibt…)

  19. Das hat gesessen 🙂

    Wunderbare Antwort. Wie Bjoern oben schon erwähnte – solche Anfragen häufen sich bei den Autobloggern auch in den letzten Monaten.

    Halt uns über die Antwort bitte auf dem Laufendem 🙂

  20. Julia sagt:

    *applaus* Lange überfällig! Haben die geantwortet?

  21. Huebi sagt:

    Na bei euch haben sie ja noch gefragt, aus meinem Reiseblog haben sie gleich den Text und zwei Bilder geklaut 🙁 Gab aber danach dann ein schönes Taschengeld

  1. 8. August 2012

    […] Ich finde es schön zu sehen, dass es unter den Themenbloggern immer mehr Vernetzung gibt – aktuelles Beispiel: die Foodblogger. […]

  2. 12. August 2012

    […] Nicht Reise- sondern Foodblogger ärgerten sich diese Woche über einen Brief von gofeminin.de. Schönes Beispiel, wie eine falsche Ansprache von Bloggern in komplett die falsche Richtung los gehe…. […]

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