Ein Abend bei Luigi’s

Dieser Artikel wurde zuletzt am 4. Februar 2017 aktualisiert

2012-08-09-luigis-abend-5Bertolli ruft zur Trattoria Tour in Deutschland – gesucht: die beste, authentischste, tollste, italienischste aller Trattorien.

Und den Kick-Off machte das Team Bertolli in Hamburg, in Luigi’s Restaurant. Schon der Name verspricht italianophile Heimeligkeit, und so freute mich sehr, dass ich zu einem Abend unter Fachpublikum geladen war, bei dem die erste von vielen Trattorien getestet werden sollte.

An diesem lauen Sommerabend fand sich ein ganz illustres Trüppchen zusammen, ein paar Vertreter der klassischen Presse, ein Foodmagazin-Herausgeber, und zwei glückliche Gewinner eines Preisausschreibens, sowie Peggy Schatz, die die Tour im Blog begleitet, und natürlich das überaus freundliche und charmante Gesicht von Bertolli, Marco Aurelio.

Mitten im Portugiesenviertel der Hansestadt italienisch essen gehen ist schon mal eher ungewöhnlich, und hinter dem leicht zu übersehenden Eingang prangt dann auch mehr etwas vom Charme einer Kiezkneipe, ehe man ins Separee durchgeht, das recht plüschig wirkt – hier sind frühere Wohnräume mit viel Freude am Dekorieren zu etwas atmosphärischeren Restauranträumen umgestaltet worden. An einer Wand hängt ein Spiegel, unter den Decken wölbt sich ein rotweisses Stoff-Firmament, Kerzen beleuchten die langen dunklen Holztische, und schon bald haben wir ein Gläschen Prosecco in der Hand, bei dem unsere Gastgeber uns begrüßen. Unter einer Trattoria habe ich mir etwas anderes vorgestellt, wenn ich ehrlich bin, vielleicht simple Holztische, Terrakottafliesen, rotweisse Tischdecken – das hier erinnert an Studentencafebistrorants der 90er. Aber lassen wir doch das Essen für sich sprechen.

Und prompt kommen auf unzerstörbaren bunten Melamintellern erste Happen aus der Küche – Carpaccio, Bruschetta, Vitello Tonnato, etwas Brot, ein paar marinierte Möhrenscheibchen, ehe wir ans Speisen gehen.

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Das Carpaccio wirkt optisch auf jeden Fall nicht wie hausgemacht, sondern wie frisch aufgetaut; der darüber geraspelte Grana Padano kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das Fleisch zwar hauchdünn ist, aber anscheinend in Salzlake lag, und kräftig übersalzen und stark nach Pfeffer schmeckt: Vitello Tonnato hat eine gute Konsistenz, wenn auch für meinen Geschmack nicht genug Säure und zu viel Mayonnaise; die Möhren sind frisch und köstlich. Die Bruschetta habe ich nicht nur wegen der Problematik, dass ich kein Gluten essen wollte, ausgelassen, sondern auch wegen grober großer Knoblauchstücke (wobei das als rustikale Note so durchaus in Ordnung geht) und weil sie mit reichlich (unnötigem) Grana übergeraspelt waren.

Überhaupt: Gluten. Secondi sucht man fast vergebens auf der Karte, hier tummeln sich primär Pizza und Pasta. Die Pasta soll hausgemacht sein, das habe ich nicht geprüft. Die Pizzen am Nebentisch sind groß und sehen ganz vernünftig aus; liest man die Restaurant-Reviews bei Qype, kommt man ohnehin schnell zu dem Schluss, dass große und billige Pizza der USP dieses Restaurants ist. Auch das ist zumindest für mich nicht synonym mit Trattoria. An Vorspeisen gibt es im Großen und Ganzen das was auch schon als Häppchen angeboten worden war.

Ich wählte die nahezu einzige glutenfreie Option von der Karte (zumindest im Ansatz), Saltimbocca mit Röstkartoffeln. Das sah dann so aus.

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Viel gegessen habe ich davon nicht; immerhin war das Fleisch zart und der Schinken schmackhaft, das Gesamtkonzept hatte für mich aber nur rudimentär mit Saltimbocca zu tun; passend dazu schwammen die Röstkartoffeln in einem Pflanzenöl, das sicher nicht von Bertolli stammte. Der kräftige Guß Crema-di-irgendwas-Balsamico hätte ebensowenig sein müssen wie die aufgetürmte Salatbeilage. Meine direkten Tischnachbarn aßen Pasta, die die Warmhalte wohl schon einige Minuten länger gesehen hatte; von Sahne in der Carbonara bis Surimi bei den Meeresfrüchten war alles dabei, was ich so zu beanstanden hätte (auch hier: Balsamicodeko galore). Zum Essen teilten wir uns einen Pinot Grigio und einen Grecchetto, auf Anregung eines der anderen Gäste, und zu seinen (ansonsten schmackhaften) Meeresfrüchten war der Wein auch eine fabelhafte Wahl.

Den Abschluss machte für mich ein (sehr ordentlicher) Espresso und Panna Cotta.

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Ich weiss nicht, was da genau auf dem Teller unter quietscharomatisiertem Erdbeersirup und einem Klacks Limettensirup ertränkt worden ist, aber Panna Cotta war es definitiv nicht, jedenfalls keine, die nach traditioneller Art hausgemacht wurde. Aber das kann nicht so wahnsinnig überraschen, konnte doch selbst der herbeigerufene Koch auf Nachfragen (in fließendem Italienisch), der radebrechend behauptete aus Sizilien zu stammen, nicht sagen wie viel Hefe er in seinem Pizzateig einsetzt. Pannacotta ohne Tüte oder Aroma ist da möglicherweise zu hochschwellig.

Zum krönenden Abschluß des Abends besuchte uns dann noch „Luigi“, eine überlebensgroße Plüschfigur, die einige der Anwesenden an SuperMario erinnerte, und liess die Gäste in seinen Gabenbeutel greifen, der kleine Süßigkeiten oder Stifte hervorbrachte.

Bevor ich zu meinem Fazit der Trattoria / des Luigi’s komme: trotz all dieser Kleinigkeiten war es ein fabelhafter, vergnügter, ungemein schöner Abend, bei dem ich sehr nette Menschen kennenlernen durfte und viel Spaß hatte. Danke, Bertolli, danke Peggy für die Einladung, danke an Manuel, Peggy, Patrick & Freund und Vijay für eine sehr vergnügliche Runde, an die ich gern zurück denken werde.

Das Fazit?

Ich hätte mir schon aufgrund der online einsehbaren Speisenkarte das Luigi’s nicht ausgesucht; etwas mehr Fisch und Fleisch oder auch alternative Gemüsegerichte würde ich bei einem Italiener schon finden mögen, aber man schaut sich ja auch gern mal was anderes an. Der Service war – vorsichtig formuliert – dem Ansturm des Abends nicht ganz gewachsen, und das Essen von einer Qualität, die mich annehmen lässt, dass Luigi’s es wohl nicht in die Endausscheidung von Bertolli sucht die Supertrattoria schaffen wird. Wein und Kaffee waren gut, das allein reicht jedoch nicht. Die Besucher des Luigi’s erwarten aber offensichtlich ohnehin etwas anderes: große günstige Pizza. Die gibt es dort. Ich würde im Portugiesenviertel dennoch woanders essen gehen.

Update: Das Begleitblog zur Trattoriatour gibt es mittlerweile leider nicht mehr, deswegen habe ich alle Querverweise darauf im Februar 2017 getilgt.

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

4 Antworten

  1. Vijay Sapre sagt:

    Sehr diplomatisch formuliert, Petra. Man könnte es so zusammenfassen: selbst schlechtes Essen und mittelmäßiger Wein können sich gegen gute Gesellschaft nicht durchsetzen. Auch ich hab viel Spaß gehabt (und einiges gelernt).

  2. Liebe Petra, danke für das Feedback! Meine erste Wahl wird das Luigis mit Sicherheit auch nicht. Boin gespannt, was noch so kommt.
    Es war ein sehr schöner Abend dank Euch und unserer Gastgeber.

  3. Ulrike sagt:

    Allein Bertolli lassen bei mir Assoziationen aufkommen und die Alarmglocken schrillen …

  1. 5. September 2012

    […] Theaterfunduses zeugt von italienischem Improvisationstalent. Ebenso das Essen. Tour-Bericht Bericht bei Foodfreak 2. Halt: La Rocca in Uetze Tour-Fazit: Mehr Ristorante als Trattoria ist das La Rocca in Uetze […]

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