Norbert Suchanek: Der Soja-Wahn

Dieser Artikel wurde zuletzt am 1. September 2015 aktualisiert

Schon seit längerem sammele ich Material für einen Text oder auch ein Buch zum Thema Soja und Gesundheit. Dass da keinesfalls alles so toll, gesund und empfehlenswert ist, wie uns die Agrarindustrie und angeblichen Ernährungsexperten immer erklären wollen, ist für viele überraschend, aber leider wahr.

Bei der Recherche fiel mir auch ein kleines Bändchen in die Hände, aus dem Oekom-Verlag (ein Spezialverlag für Themen rund um Ökologie und Nachhaltigkeit), welches sich (nicht nur) auf andere Weise kritisch mit der Sojabohne befasst.

soja

Der Soja-Wahn: Wie eine Bohne ins Zwielicht gerät

Obwohl sich Suchanek, der heute als Korrespondent in Rio de Janeiro arbeitet, nur teilweise mit den Ernährungslügen rund um die Sojabohne befasst, schien es mir passend, dieses Bändchen hier in meinem Foodblog vorzustellen, denn die Konsequenzen einer fehlgeleiteten Agrarindustrie treffen uns ja im Nahrungsmittelsektor immer wieder.

Die Kapitelliste:

  1. Soja – gut für die Gesundheit?
  2. Margarine aus Soja – gesünder als Butter?
  3. Soja statt Gras – schlecht für Mensch und Tier
  4. Soja und Asien – mehr Mythos als Wahrheit
  5. Opfer der Bohne: Mensch und Natur
  6. Soja – ein amerikanischer (Alb-) Traum
  7. Kann (Gen-) Soja nachhaltig sein?

Die Frage nach der Gesundheit finde ich eine interessante, und es ist passend, dass Suchanek sie an den Anfang stellt. Immer wieder wird Soja als gesundes Nahrungsmittel, ja geradezu als Superfood angepriesen; Soja sei gut in den Wechseljahren und gegen Krebs (wegen der Phytoöstrogene); das Eiweiss besonders hochwertig; Sojaprodukte ein jahrtausendealtes Gesundmittel der Asiaten, Motto: esst mehr davon, etc. pp.

Dem Format des Bändchens angemessen geht Suchanek auf diese Fragen sehr komprimiert ein; viele Erkenntnisse der modernen Ernährungsmedizin jenseits von Low-Fat-Propaganda und Ernährungsrichtlinien der Regierungen (wie die Fehlerhaftigkeit der Cholesterinhypothese oder die fälschliche Behauptung mehrfach ungesättigte Fettsäuren seien gesünder als einfach gesättigte) setzt er voraus oder reisst diese nur knapp an; dafür findet sich dann in der Literaturliste das wohl endgültige Standardwerk zum Thema, Gary Taubes‘ Good Calories, Bad Calories: Fats, Carbs, and the Controversial Science of Diet and Health oder auch die thematische Artikelsammlung der Weston A. Price Foundation zum Thema Soja, Soy Alert (lesenswert).

Da ich mit beiden vertraut bin, sind die Ernährungskapitel für mich keine Neuigkeiten, und die meisten Punkte aus dem Buch findet man dort umfangreicher wieder, so man des Englischen mächtig ist. Zu Bedenken gebe ich bei Soja gern, dass Soja eins der häufigsten Allergene weltweit ist (und da es in so gut wie allen Nahrungsmitteln stecken kann immer schwerer zu vermeiden); dass Soja dank der ach so gesunden Phytoöstrogene keinesfalls für Kinder taugt; und dass die Wachstumsinhibitoren der Sojabohne in allen ihren Produkten die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen können – allein das sollte schon mal als ‚food for thought‘ reichen, um nicht gleich jedem Heilsversprechen aufzusitzen.

Die weiteren Kapitel befassen sich dann mit der Massenproduktion von Soja im agrarindustriellen Komplex – beginnend bei der Tatsache, dass proteinreiches Soja eben keine geeignete Tiernahrung darstellt (und natürlich ernährtes Tier, grass-fed oder pastured heisst das im angloamerikanischen Raum, nicht nur besser schmeckt sondern auch für den Konsumenten deutlich gesünder ist).

Weiter geht es über Gentechnik (97% der Sojabohnen aus den USA sind GMO-crops) und Pestizide (Round-up und Konsorten) zur flächendeckenden Vernichtung von Regenwäldern für aus Sojaöl gewonnenen ach-so-nachhaltigen Biodiesel (die Produktion verschlingt 27% mehr Energie als sie erzeugt) und den Billigfleischhunger der ersten und zweiten Welt, die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen und die Subventionierung von Soja in den USA, bis hin zu neuem Agrarkolonialismus in Afrika. Der Pestizid- und Düngerverbauch von Soja nimmt Rekordausmaße an. Und dank Lobbyisten darf sich in Zukunft selbst Soja, das mit aus Flugzeugen versprühten Pestiziden eingenebelt wurde, noch als ‚verantwortliches Soja‘ schmücken.

Soja, eine Alternative für die Zukunft? Nur, wenn die Zukunft transgenen patentierten Produkten aus dem Labor der Agrochemiekonzerne gehört.

Die 110 Seiten sind gut zu lesen und ein vielleicht grad dank seiner Kompaktheit kräftiger Tritt in den Hintern, die eigenen Glaubenssysteme mal wieder zu überdenken. Ich fürchte nur, dass dieses Büchlein diejenigen, die es bräuchten, am wenigsten erreichen wird, sondern es am Ende auf preaching to the choir herausläuft.

Auf jeden Fall empfehlenswert.

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

6 Antworten

  1. Danke für die Buchempfehlung. Ich habe seit Jahren Soja aus unserem Ernährungsplan gestrichen. Zum einem weil ich eben auch zu den Allergikern gehöre, die darauf reagieren, zum anderen war für mich Soja immer überbewertet.

    Durch das Buch zu weiteren Hintergrundinformationen zu kommen ist sehr interessant.

  2. Stella sagt:

    Als Sojasoße gern. Sonst – brauche ich nicht.

    Danke für den Buchtipp!

  3. Evi sagt:

    Ich sehe Soja recht pragmatisch, als laktosefreie Alternative zu Milchprodukten (neben laktosefreien Kuhmilchprodukten). Tofu verwende ich, wenn der Mitesser mal wieder mehr Fleischhunger hat als ich und mir einfach nur KH+Gemüse zu langweilig ist. Insofern habe ich natürlich nichts gegen eine gute Verfügbarkeit von Sojaprodukten. 😉 Den Hype darum konnte ich allerdings noch nie so ganz für voll nehmen.

    Edit (März 2104, Foodfreak): Den ursprünglich angehängten Link habe ich gelöscht, dq die Seite nicht mehr existiert.

  4. Dominik sagt:

    Ich würze asiatische Gerichte immer gerne mit Soja Sauce. Sonst kenne ich noch so Soja Sprossen und Soja als Fleischersatz in Schnitzeln und so.

  5. F_A sagt:

    Daß Soja als besonders gesund gelten soll, höre ich (bewußt) zum ersten mal. Mein Eindruck ist eher, daß Soja einen extrem schlechten Ruf hat.
    Ich denke ich konsumiere relativ viel Soja. Aber schlicht deshalb, weil ich es gern mag. Ich achte im großen und ganzen schon auf gesunde Ernährung, aber manches esse ich ganz bewußt trotzdem.
    Außerdem ist das wohl auch teilweise sehr individuell. Mir geht es gesundheitlich einfach viel besser mit Soja- statt Milchprodukten.
    Ich versuche aber auch darauf zu achten, wo das Zeug herkommt, denn der Probleme bei der Produktion bin ich mir schon bewußt. (Soweit möglich. Im Asiamarkt find ich das schwierig.)
    Schräg finde ich in dem Zusammenhang die Fleischesser, die in großen Mengen Tiere essen, die mit genmanipuliertem Soja gefüttert wurden, alle Sojaprodukte aber strikt meiden mit dem Argument, das sei genmanipuliert.

  6. Token sagt:

    Vielen dank für diesen interessanten Bericht!

    Ich selber esse auch sehr gerne und viel Soja. Zum einen, weil ich eigentlich hauptsächlich kein Fleisch zu mir nehme, zum anderen, weil es mir schmeckt. Alles natürlich auch in Verbindung mit meiner asiatischen Herkunft und meiner Vorliebe zu genau jenen Speisen.

    Ich nehme Soja meistens nur in klassischen Formen zu mir z.B. von Sojamilch, Tofu, Miso, Sojasoße, Sojabohnen, Sojamehl usw. und keine „Trendprodukte“ z.B. Soja-Schokoriegel, Soja-Butter oder Kekse oder dergleichen die oft nur einen Anteil von Soja haben, nur damit es sich gesünder anhört.

    Dass Tofu in Asien vor allem als Gesundmittel gilt, ist mir relativ neu. Klar, es wird bei uns als gesund angesehen, da es fettarm, pflanzlich und viel Protein hat. Trotz allem wird es aber nicht deshalb gegessen, weil es bestimmte Krankheiten und co heilen soll. Soja ist in Asien einfach ein ganz normales Lebensmittel, wie bei uns Kartoffel oder ähnliches und es schmeckt einfach vielen dort gut.

    Soja wurde hier wohl auch deswegen so gehyped, da es doch mal eine Zeit gab, wo es ziemlich viele vegetarische/vegane Produkte gab und heute noch gibt. Tofu stand bei vielen natürlich auf Platz 1. Deshalb verbinden viele Soja nur mit Vegetariern/Veganern und der „gesunden Ernährung“. In Asien mischt man auch Tofu mit Fleisch oder Fisch, was hier viele verwirrt.

    Z.B. bei dem chinesischen Gericht Mapo-Tofu wird Tofu mit Hackfleisch gebraten. Diesbezüglich habe ich Kommentare gelesen wie: „das ist doch nicht konsequent, wenn Tofu, dann richtig und doch nicht mit Zugabe von Fleisch“, „so ein Gericht wäre relativ sinnlos“ etc.

    In gewissen Maßen wird Soja schon irgendwie zu hoch gehypt, was die Gesundheit angeht. Ich denke aber Soja wird in vielen Lebensmitteln nicht wegen dem gesundheitlichen Aspekt druntergemischt, sondern (so denke ich) auch, weil es vielleicht billiger ist als andere vergleichbare Zutaten. Z.B. in Keksen, Aufstrich und co sind ja immer Sojaanteile zu finden, die ja von außen gar nicht explizit beworben werden. Dafür kann man aber als Verbraucher nichts.

    Das ist natürlich ein Problem, wenn man Allergiker ist. Aber nur weil es Leute gibt, die allergisch darauf reagieren, brauchen die restlichen Leute dieses Produkt doch nicht aus Prinzip aus meiden… Ähnliches sehe ich bei einer Bekannten, die viel glutenfreie Produkte kauft in der Annahme, diese wären gesünder, obwohl sie gar nicht allergisch dagegen ist.

    Genauso wie F_A finde ich auch, dass man vielleicht lieber aufhören sollte Fleisch von Tieren zu konsumieren, die mit Soja gefüttert worden sind, als Tofu und co aus seiner Küche zu verbannen. Die Menge Soja, die zum Füttern verwendet werden sind weit mehr, als für den menschlichen Verzehr denke ich mal.

    Deshalb sehe ich Soja in Verbindung mit den oben genannten Nachteilen schon ziemlich kritisch. Aber nicht unbedingt auf meinem Speiseplan, sondern eher in dem ganzen Drumherum, was viel größere Ausmaße hat(Tierfutter, Biodiesel, Regenwaldabholzung usw.)
    In allem gilt, bewusster einkaufen, nicht nur bei Sojaprodukten, sondern auch bei Fleisch und ähnlichem. Ist meine Meinung.

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