Blogs und Werbung

24. Juni 2008

Es ist schon ein paar Tage her, da flatterte mir eine Mail eines Menschen von einem weltweit bekannten Marketing- und Public-Relations-Konzern in den Foodfreak-Briefkasten. Es ging um “eine kleine Studie” zu Bloggern und ihrer Einstellung zu Social Media News Releases (und ein 15-Minuten-Telefonat. An alle Werber: Ich telefoniere nicht. Ehrlich. Niemals.)

Die Mail schimmelte allerdings, da sie vollgestopft war mit Web 2.0-Buzzwords, erst mal eine Weile in meinem Biohazard- bzw. Spamfolder, ehe sie an mein Auge drang. Dann antwortete ich höflich, dass ich an der Studie nicht teilnehmen wolle, und da war sie wohl ohnehin schon wieder gelaufen.

Was genau, frage ich mich seither, sind wohl Social Media News Releases? Die Antwort kann man in etwa hier lesen.

Die Kurzfassung: man spannt geschickt andere Leute vor den Karren, die für einen hypen und Werbung machen, und für die entsprechenden Buzzword-Ratings bei den Suchmaschinen und Trackbacks sorgen. Anders gesagt: SEO by Blog, welches im Idealfall noch für lau arbeitet. Was ich davon halte könnt Ihr Euch ausrechnen.

Was hier versucht wird, ist auszunutzen, was ein gutes Blog ausmacht: Authentizität und “soziale” Reichweite, Strukturvertrieb auf anderer Basis.

Dazu passen die Mails, die danach eintrudelten. Zunächst ein Teeversender, der im Stil von Mymuesli nun Teemischungen zum Selbermixen im überteuerten Webshop anbietet, und fand, ich könne doch mal bitteschön über sie bloggen und hier sei dann auch der Link zu ihrer Website und ihren Pressemeldungen. Sehr aufmerksam.

Ich weiss nicht was in den Köpfen von Werbern vorgeht, die Massenmails dieser Art raushauen, aber viel kann es nicht sein. Warum um Himmels willen sollte ich über einen Service bloggen, der sich ausser durch Spam und wenig kunden- bzw. in diesem Fall werbepartnerorientierte Haltung mir gegenüber nicht profiliert hat? Haben die wirklich das Gefühl, mir könnten die toll hypigen Themen ausgehen? Oder hat da einfach nur einer auf Send to all geklickt?

Dann sind da die wie Pilze aus dem Boden schiessenden Rezept-Communities (die einzige die ich davon ab und zu, und nicht eingelogt, nutze ist chefkoch.de). Ob es der Mozzarella-Hersteller ist, der sein neues Koch-Community-Dings pushen will und dazu mal anfragt, ob ich nicht vielleicht für lau bei ihm mal Content einstellen und seine tolle Community um meinen wertvollen Input bereichern wolle, oder auch der Großkonzern aus Bielefeld, dessen Marketingmenschen sich immerhin die Mühe gemacht haben, ihre Anfrage zu personalisieren und sogar einen Blick auf mein Blog zu werfen und die dort gewonnene Erkenntnisse (“Sie könnten ja mal ein Rezept von uns als Rezept der Woche vorstellen”) in das Anschreiben einfliessen lassen. Denken die wirklich, ihre Koch-Communities bringen irgendwas ein? Glauben die allen Ernstes, ich habe nichts Besseres zu tun als meine knappe Zeit für ihr Projekt und Produkt einzusetzen und mit meinem “guten Namen” für sie umsonst zu arbeiten und zu werben?

Ich habe kein Problem damit, über etwas zu schreiben, das ich gut finde und unterstütze (wie etwa den Slow Food Gedanken) oder mich kritisch (oder auch positiv) über Produkte auszulassen, die ich getestet habe, unabhängig davon ob das den Herstellern gerade in den Kram passt. Und wenn mir jemand ein Produkt oder eine Probe oder ein Buch zukommen lässt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich darüber schreibe, gross, nicht weil ich dafür bezahlt werde, sondern weil bzw. wenn ich die Information so interessant finde, dass ich sie weiter geben möchte.

So wird es auch einer der vielen Werber der letzten Wochen demnächst in dieses Blog schaffen, der sich die Mühe gemacht hat, mich wirklich personalisiert anzuschreiben, und mir vor allem ohne Aufforderung und ohne werbisches Drangsalieren Proben seiner Produkte nach Hause geschickt hat, nach vorheriger Mailankündigung. Denn von dieser Aktion haben alle was: die Leser dieses Blogs, die ein Produkt kritisch und unvoreingenommen von mir vorgestellt bekommen, der Werber, der eine – möglicherweise nicht ganz so toll ausfallende, aber immerhin Suchwörter für die Suchmaschine liefernde – Besprechung bekommt, und ich, indem ich etwas Neues kennenlernen konnte.

Macht mich das käuflich? Ich denke nicht. Ich werde nicht dafür bezahlt dass ich positiv über ein Produkt schreibe / blogge. Und ich würde mich dafür auch nicht bezahlen lassen, denn das wäre nicht mehr ich. Ich blogge das was ich dazu denke, ganz ehrlich, oder gar nicht.

Etwas, das viele Werber im Web 2.0 anscheinend nicht verstehen ist, dass ein Blog kein Werbekanal ist den man “schaltet”. Mein Blog, das bin ich.

Wenn ich etwas für Euch tun soll, liebe Marketingspezis, müsst Ihr auch was für mich tun. Bitte hört auf mir sinnlose Spam-Mails zu schicken. Danke.

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4 Responses to Blogs und Werbung

  1. mipi on 24. Juni 2008 at 14:37

    Ich sehe es ähnlich wie Du. Ein Blog ist per se kein Werbekanal, wobei natürlich jede(r) Blogbetreiber(in) selbst entscheiden muss, vor welchen Karren er/sie sich spannen lässt. Ich für meinen Teil habe mich dazu entschieden, keine Werbung in mein Blog zu nehmen. Mir ist meine Unabhängigkeit und “redaktionelle Selbstbestimmung” wichtiger.

  2. Pasta on 24. Juni 2008 at 15:32

    Erst hat man die Blogs ignoriert, dann belächelt, dann mit Häme und Spot kommentiert
    (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,536997,00.html) .
    Jetzt will man sie gerne für lau oder ein paar Cent „kaufen“.

  3. rike on 25. Juni 2008 at 11:57

    Das stimmt. Ich bekomme auch andauernd Emails, von hey – sie können doch einen Link zu uns setzen und wow !! Ich bekomme evtl. vielleicht auch einen Link. Was bilden die sich eigentlich ein? Oder ein Bäcker schickt mir eine “kollegiale Mail”, um eine Koop aufzumachen.
    Werbung will ich auf meinem Blog auch nicht und das Partnerprogramm von a* nutze ich auch nur, um die Servergebühren zu decken. Denn so entscheide ganz alleine ich, was in meinem Blog zu lesen ist.
    Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass die Blogs ihren Hype überlebt hätten und schon wieder veraltet sind. Immer mal wieder was neues.

  4. Barbara on 25. Juni 2008 at 21:09

    Da wir alle diese Mails kriegen, gehen die Mails von denen wohl in großen Massen raus. Da ich selten Links auf diese “tollen Communities und Produkte” sehe, halten es wohl die meisten Blogger so, dass sie sie einfach ignorieren.

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