6. Lübecker Restaurantspaziergang

Dieser Artikel wurde zuletzt am 22. Juni 2014 aktualisiert

Am vergangenen Freitag Abend waren wir in Lübeck und haben gemeinsam mit unseren Freunden Markus und Sandra an einer besonderen Veranstaltung des Slowfood-Conviviums Lübeck teilgenommen – einem Restaurantspaziergang. Die Idee: Aperitif, Vorspeise, Hauptgang, Dessert und Digestif werden jeweils an unterschiedlichen Locations eingenommen, dazwischen liegt ein Spaziergang durch die historische Altstadt.

Den Aperitiv gab es in Sherry & Port, einer kleinen Tapas-Bar am Rand der Traveinsel.

Bei Sherry oder Port, trocken oder süß, trafen wir uns alle und teilten in die Gruppen auf, die dann in den teilnehmenden Restaurants je einen Gang essen sollten.

Für uns war das Sherry & Port schon mal eine erfreuliche Entdeckung – die wie in Spanien in einer Vitrine auf der Theke stehenden Tapas sahen ausgezeichnet aus, das Ambiente war ebenfalls sehr gemütlich und iberophil:

Hier könnte man sicher mal einen netten Abend lang bei dem einen oder anderen Gläschen Sherry versacken 🙂

Unser Gruppe von 6 Personen führte der erste Gang ins Kleine Restaurant an der Untertrave, ein Restaurant das ich vor rund 10 Jahren häufiger aufsuchte, da es dort feine exzellent komponierte 10-Gang-Menus gab, ursprünglich mal für 50 DM. Doch als das Restaurant den Besitzer wechselte, starb diese verlockende Idee. Offenbar war ich nicht der einzige Gast, der das bedauerte – auf der aktuellen Karte prangt als Angebot ein 10-Gang-Menu für 55 Euro – auf Vorbestellung.

Das Ambiente ist quasi unschlagbar, in dem alten Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert sitzt man gemütlich-romantisch unter tiefer Holzdecke im alten Backsteingiebelhaus, serviert wird eine dazu passende regional-bodenständige Küche.

Unser erster Gang war eine Salatkomposition mit Himbeervinaigrette, Knoblauchcroutons und gerösteten Pinienkernen:

Die anderen Gruppen, so erfuhren wir, bekamen Deichlammkoteletts auf confierten Tomaten, bzw. Crepes mit Vanilleeis und Beeren.

Der Salat war reichlich, das Dressing schien eine Art Himbeerkonfitüre mit Essig aufgerührt zu sein, ein paar der Croutons waren ein wenig weich – insgesamt war das aber sehr lecker und ein guter Auftakt. Nur dem Tischtuch bekam die fröhlich kleckernde Sauce gar nicht 🙂 .

Leider regnete es den ganzen Abend, mal mehr mal weniger stark, so dass der Stadtrundgang nicht nur Spaß gemacht hat. Dennoch blieb natürlich Zeit, ein paar Dinge anzsuchauen, etwa die tollen Dekorationen, die Niederegger im Schaufenster hatte.

Den Hauptgang durften wir im Restaurant Vai einnehmen – mit Abstand unser Gewinner des Rundgangs – eine Location an der wir garantiert wieder essen gehen werden. Das Ambiente hätte nicht stärker kontrastierend ausgewählt sein können – moderne schlichte dunkle Holztische und -stühle auf hellen Steinböden, unter spaciger Designerlampe, bei sanfter Beleuchtung und insgesamt mit dem Look-and-Feel eines wahnsinnig angesagten In-Ladens. Aber schon der Blick auf die (fair kalkulierte) Mittagskarte (Hauptgerichte um 8 Euro, Vorspeise, Hauptgang und 0,25 l Wasser für 13 €) zeigte dass hier keineswegs Teller-Ikebana betrieben wird, sondern exzellentes Essen zu zivilen Preisen auf den Tisch kommt.

Der Service war superaufmerksam, makellos und vermittelte vor allem den Eindruck, seinen Job mit Freude zu machen. Bevor unser Hautgericht kam, gab es noch ein Amuse-Geule:

Ein Kräutercrepe mit Auberginenmarmelade, auf Rettichsalat, mit einem Kartoffelchip und Dijondressing. Die Auberginenmarmelade war sehr spannend, die Crepeumhüllung leider etwas zäh, das Dijondressing sehr schmackhaft. Dann kam – für uns – das Highlight des Abends:

Brassato und Bulette vom Galloway mit Trüffelrührei an karamellisierten Schwertbohnen und Kresse-Kartoffelpüree

.

Das Brassato war das wohl zarteste, köstlichste Rind das ich in meinem ganzen Leben gegessen habe, es zerfiel fast beim Anschauen… und schmeckte, wohl auch durch den Schmorfond, fast wildartig. Das Trüffelrührei mit kleinen Trüffelstückchen schmeckte intensiv-aromatisch, auf dem (für mich zu weichflüssigen) Kressekartoffelpüree thronten gehackte Pinienkerne, die super dazu passten. Die Galloway-Bulette war intensiv rindfleischig-würzig, sehr gut, wenn auch im Kontrast zu dem Brasssato einen Tick zu salzig. Auf die Schwertbohnen (breite Schneidebohnen, noch recht roh schmeckend) hätte ich gut verzichten können. Dazu gab es ausserdem eine Art Ciabatta-Scheibchen und Kräuter-Sauerrahm.

Der empfohlene Wein – ein 2001 Rosso Piceno Superiore DOC, Vigna Messierei, Tenuta Cocci Grifoni, harmonierte wunderbar zu dem Rind. Mit 24 Euro für die Flasche, die wir teilten, war er auch annehmbar in der Preislage.

An dieser Stelle wären wir gern sitzengeblieben und hätten das Dessert im Vai, Soufflierte Blaubeerpfannkuchen mit Marzipaneis, auch mitgenommen. Ich bin mir sicher dass das VAI bei der Kalkulation für diesen Restaurantspaziergang keinen Gewinn gemacht hat, sondern es als Werbung kalkuliert hat – und die Werbung ist ihnen auf das Vorzüglichste gelungen.

Stattdessen machten wir uns bei heftiger werdendem Regen auf den Weg zur sozusagen ersten Adresse der Stadt Lübeck, dem Schabbelhaus. In dieser musealen Sammlung der Inneneinrichtung von Häusern reicher Kaufleute residiert heute ein italienischer Patron.

Unterwegs liefen wir nun schon zum zweiten Mal auch am Buddenbrookhaus vorbei, dem Haus der Familie Mann, das für den Buddenbrook-Film der gerade gedreht wird, wieder fein und auf Original hergerichtet wurde, ebenso das Pflaster davor und die Nachbargebäude.

Tropfnaß kamen wir dann zum Schabbelhaus, wo um diese Tageszeit nicht allzuviel los war. Das hielt den Service allerdings nicht davon ab, ausgesprochen pampig und unfreundlich von oben herab zu sein. Kaum hatten wir uns gesetzt fragte uns die Kellnerin im Kommandoton nach unseren Getränkewünschen. Auf unsere etwas erstaunte Nachfrage, wir wüssten doch zunächst gern was uns als Dessert erwartet, kam im Tonfall von „Das müssen sie aber längst wissen“ der Hinweis es gebe Creme Brulee. Und auf meinen zuvor geäusserten Einwand, dass das Getränk ja zum Dessert passen solle, sinngemäss: „Naja das kann ja wohl jeder für sich selber entscheiden, die einen wollen eben Kaffee, die anderen ’ne Cola, oder nen Dessertwein…“

Von so viel kompetenter und freundlicher Beratung erschlagen, beschlossen die meisten, beim im Preis inbegriffenen 0.1 Liter-Glas Wasser zu bleiben. Das Dessert war immerhin gut:

Zur (noch ein wenig sehr warmen und flüssigen) Creme Brulee gab es ein Sorbet, das angeblich Erdbeer enthalten sollte, nach Pflaume schmeckte (es war auch ein Pflaumenschnitz drauf) und in dem eine Kulturheidelbeere eingefroren war. Gut, aber nicht vom Hocker reissend.

Das protzig-überladene Kaufmannshaus-Historienambiente passte allerdings wie das I-Tüpfelchen zum arroganten Auftreten der Bedienung, die beim Servieren immerhin einen Hauch leutseliger wurde. Absolut keine Empfehlung für dieses Restaurant.

Von hier führte uns der Weg noch zum Abschlußtreffpunkt und „Digestif“ in der traditionsreichen Schiffergesellschaft. Dort erfuhren wir, das die Dame am Nebentisch im Schabbelhaus wohl Iris Berben gewesen sei (nicht dass das für uns irgendwie einen Unterschied gemacht hätte). Ich bin geneigt, Frau Berben zuzurufen: gehen Sie ins Vai, da ist der Service netter – aber vermutlich werden Promis im Schabbelhaus höflicher bedient…

Wir tranken noch einen Kaffee, tauschten uns ein wenig mit den anderen Teilnehmern aus, und dann machten wir uns bei monsunartigen Regenfällen mit dem Auto auf den Heimweg.

Für den Abend waren einschließlich Aperitif und ein Getränk in der Schiffergesellschaft 35 Euro (40 für Nicht-Slowfood-Mitglieder) im Voraus zu entrichten. Beim nächsten Mal werden wir sicher wieder mitmachen. Das war ein toller Spaziergang, bei dem man neue Locations kennenlernen konnte. Als Vorschlag kam dann noch auf, nächstes Jahr den Digestif aus der Kalkulation herauszunehmen, so kann einfach jeder sich bestellen was er mag und fertig. Interessanterweise kam ein Pärchen sogar aus Celle – gar keine schlechte Idee, ein Wochenende irgendwo mit einem Slowfood-Event zu verbinden!

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

2 Antworten

  1. Knutsen sagt:

    Suuuuuuper Bericht und absolut und vollständig ACK. 🙂 Auch mein spontaner Kommentar beim Verspeisen des Galloway-Fleisches war „Das beste Fleisch, was ich bisher in meinem Leben gegessen habe.“ – Der Service im Schabbelhaus war in der Tat sehr pampig und im Vai vorzüglich. Man bekam den Eindruck, als hätte das Vai geahnt, daß hier viele potentielle neue Besucher warten, und sich dementsprechend von ihrer besten Seite gezeigt. Das kleine Restaurant ist eine Empfehlung für ein romantisches Candle-Light-Dinner; der Salat war auch vorzüglich.

    Alles in allem ein, trotz des übertrieben nordischen Wetters, absolut gelungener, erstklassiger Abend in wundervoller Gesellschaft. *zwinker*

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