Speisekarten- und Rezeptlyrik

Dieser Artikel wurde zuletzt am 22. Juni 2014 aktualisiert

Zu den Freuden eines Betriebssystemwechsels (hier: von WindowsXP über Linux zu MacOS) gehört es auch, lieb gewonnene Anwendungen durch neue zu ersetzen – in meinem Fall die RK-Suite durch das Mac-OS-taugliche MacGourmet, das ich bereits bei den Recherchen für O’Reillys Kochbuch für Geeks beliebäugelte (und traurig war, dass es für Linux oder Win nichts vergleichbares gab).

Dabei stellte ich dann auch fest, dass das sehr freie Rezeptformat der Rezkonv-Suite bei einem Umzug auf ein normales Datenbanksystem – genau der Punkt der mich auch von der Verwendung von krecipes oder dem gourmet recipe manager unter Linux abgehalten hatte – so seine Nachteile hat, denn während in der RkSuite Zutatenbezeichnungen und Anweisungen dazu beide in einem Feld als Freitext stehen, unterscheiden die anderen Programme diese (zu Recht) sehr genau.

Also mache ich mich daran, meine wohlweislich nach MM exportierte Rezeptsammlung nach und nach in die neue Software zu integrieren und, Ordnung muss sein, auch an das neue Format sauber anzupassen, Quellen dahin zu schreiben wo sie hingehören, Einheitenformate sauber zu pflegen, Kategorien dank der anders angelegten Such- und Datenbankstruktur neu und für mich stringenter und sinnvoller zu vergeben… viel Mühe, die aber irgendwann in einer optimierten mobilen Rezeptdatenbank gipfeln wird, mir das also durchaus wert ist.

Nebenher habe ich viele Bezeichnungen, da es sich anbietet, vereinfacht und vereinheitlicht, und bei so manchem Text musste ich ziemlich grinsen. Dass zum Beispiel Rezepte von Jamie Oliver sehr umfänglich sind, auch was die Beschreibungen der Zutaten angeht (ein beliebig herausgegriffenes Beispiel: 1 kleine Hand voll Frisches Basilikum, oder Majoran oder beides, die Blätter abgezupft und grob gehackt), wissen seine Leser. Aber auch andere greifen in die vollen, wenn es um Zutaten geht – so manches Mal fühlte ich mich an Wolfram Siebeck erinnert, der vor Jahren in einem ZEIT Magazin die Marotte monierte, dass auf Speisekarten zunehmend „knackige Salate“ und ähnliches mehr auftauchten (ich glaube, er sprach sich stattdessen für schmackhafte Salate aus und merkte an, dass man das in einem Restaurant wohl erwarten könne).

Gnadenlos fliegen bei mir zum Beispiel alle „Butter oder Margarine“ Versionen zugunsten von „Butter“ aus der Datenbank, dass man beides ersetzen könnte sollte selbst der letzte Kochdepp mittlerweile begriffen haben, und mir kommt ohnehin keine Margarine ins Haus. Oder, sehr beliebt, „schwarzer Pfeffer aus der Mühle“, „frisch gemahlen“ und Kollegen. Im Ernst: wer eine Pfeffermühle besitzt, benutzt im Zweifel ohnehin den frisch gemahlenen, wer keine besitzt, wird sich auch von dem Rezept nicht dazu bringen lassen, nicht das vorgemahlene Pulver zu benutzen. Im Alltag reicht – für mich . ein simples: Pfeffer, meinetwegen noch schwarzer Pfeffer / weisser Pfeffer, da das ja ein deutlicher Unterschied ist. Okay, zu schwarzer Pfeffer adM kann ich mich noch hinreissen lassen…

Auch wenn ich den didaktischen Sinn irgendwo nachvollziehen kann – besonders bei Leuten wie Rainer Sass, die versuchen das platte Land per Funk & Fernsehen von gutem Essen zu überzeugen – ich muss mir das wirklich nicht antun. Ich brauche keinen Hinweis darauf dass mein Parmesan frisch gerieben sein sollte, oder dass sich hinter Kurkuma Gelbwurz (oder vice versa) verbirgt. Ich lasse mir von keinem Kochbuchautor vorschreiben, frisch ausgepalte Erbsen zu verwenden wenn ich tiefgekühlte habe (oder umgekehrt), ich erwarte – beispielsweise – automatisch dass Koriandergrün frisch ist, wenn ich es verwende und muss das nicht gesondert erwähnen. Was sich jemand unter einem großen oder kleinen Bund vorstellt, ist für mich ebenso egal wie gehäufte oder gestrichene Teelöffel oder Esslöffel von irgendwas, was bei Jamie Oliver eine große Handvoll ist kann bei mir sehr wohl eine kleine sein… durch was ich Parmaschinken, Sake, Sherry, Gorgonzola substituieren könnte weiss ich auch, ich muss mich nicht mehr belehren lassen was Galgant ist, und wenn ich tatsächlich mal einen Begriff nicht kenne, kann ich ihn nachschlagen. Muss das wirklich alles in ein Rezept? Dass irgendwelche Zutaten „von bester Qualität“ sein sollten ist ebenso irgendwie ein Selbstläufer – würde jemand bewusst Zutaten mässiger Qualität kaufen?

Natürlich will ich wissen, was sich hinter 15 verschiedenen Dal-Arten verbirgt – aber muss die Beschreibung dazu jedesmal wieder neu ins Rezept und gar in die Zutatenliste gepinnt werden? Was ein säuerlicher Apfel ist weiss ich auch ohne eine umfängliche Auflistung von Apfelsorten in der Zutatenzeile… Der Autor kann noch so oft Instantbrühe oder Fond aus dem Glas in sein Rezept schreiben – deswegen benutze ich doch selbst gemachte, wenn ich das will und da habe (oder eben Instantbrühe, wenn ich nur die da habe und benutzen will, auch wenn das vielleicht nicht Lafer-like ist). Zumindest muss es nicht (mehr) in meine Datenbank, und das ist irgendwie befreiend.

Ich glaube ich bin einfach zu alt mich von Kochbuchautoren erziehen zu lassen… und meine Rezeptdatenbank wird nun mit mir erwachsen. Großzügig fliegen Sachen raus, die ich ohnehin mit Sicherheit nie machen werde, oder die ich mal gemacht habe aber mäßig fand und aus welchen nostalgischen Gründen auch immer aufgehoben habe. Ein weiterer positiver Nebeneffekt der doch nicht ganz unbeträchtlichen Arbeit ist der, dass mir auch Rezepte wieder ins Gedächtnis gerufen werden, die irgendwo in der alten Datenbank schlummerten und vergessen waren, und nun vielleicht zu neuem Glanz erstrahlen können wenn ich sie ausprobiere – das hat doch was!

Um zur Speisekartenlyrik zurückzukommen: wenn ich Dinge lese wie „an aromatischer Sauce“ geht mir augenblicklich durch den Kopf dass es nicht für die Küche spricht wenn sie ‚aromatisch‘ besonders heraustellen muss, das erwarte ich, so wie ich erwarte, dass ein Salatteller aus „frischen“ Wasauchimmersalaten besteht, oder ein „saftiges“ Steak auf meinem Teller liegt, der Basilikum „duftend“ ist, der Blätterteig „knusprig“, die Champignons oder die Brötchen frisch, der Salat knackig, oder der Pfirsich „vollreif“.

Ein Steckenpferd meines Speisekartenlyriksyndroms ist auch die „Gärtnergurke“ (oder der Gartensalat) – was bitte sagt das aus? – sowie die Unart alles und jedes als Cappuccino, Carpaccio, Sushi, Saltimbocca, Lasagne, Sashimi von… zu bezeichnen. Mehr Qualität, weniger Gelaber – das ist es was ich mir von Restaurants wünsche. Ein wirklich gutes Essen (und Restaurant) braucht keine Speisekartenlyrik…

Print Friendly, PDF & Email

Appetit bekommen? - Hungry for more?

2 Antworten

  1. Claudia sagt:

    Ich habe sogar mal auf einer Speisekarte so etwas wie „Salatteller mit frischen Salaten (kein Essiggemüse)“ gelesen. Das muss im Umkehrschluss heißen, dass wohl noch in vielen Gasthöfen (Restaurants?) diese klassischen Essigsalate gereicht werden. Bäh.

    Ich streiche mittlerweile auch überall die Margarine raus. Wer beim Kuchen zu Margarine greift, spart am falschen Ende …

  2. Markus Merz sagt:

    Ein Freund und eine Freundin suchen für ihre Macs kostenlose Rezeptsoftware. Gibt es da Empfehlungen?

    Den Tipp mit MacGourmet habe ich jedenfalls gleich mal weitergeleittet. Danke!

Kommentar verfassen