Dinner for Two in der Küchenwerkstatt

Dieser Artikel wurde zuletzt am 4. Februar 2017 aktualisiert

Ein Mann und seine Ehrfurcht vor der Tradition: Im Mühlenkamper Fährhaus, 1916 erbaut, saß sehr, sehr oft Rudolf Augstein auf seinem Stammplatz, plauderte mit seinem Stammkellner, trank präzise sechs Gläser Bier und aß ein Stück Fleisch. Das Fährhaus und den Verleger gibt es inzwischen nicht mehr, aber nun ist die Küchenwerkstatt eingezogen, um die Tradition in die Moderne zu führen.

Die Wirtin Angela Gnade und ihr Freund, der Koch Gerald Zogbaum, haben in Sterne-Restaurants gearbeitet, darunter das Tafelhaus von Christian Rach. Und der darf stolz sein auf seine beiden Ehemaligen.

schrieb das Abendblatt vor fast zwei Jahren über die Küchenwerkstatt in Winterhude.

Gestern abend hatten wir uns für ein schönes Dinner for Two einen Tisch reserviert. Die Wochenkarte lachte uns an, und wie!

Ein paar Impressionen, nur mit dem Handy abgelichtet, die dem Essen nicht im mindesten gerecht werden:

Kuechenwerkstatt am 9.9.

Auf der Tageskarte stand (allerdings ein anderer Wein als hier):

ABENDMENÜ VOM 5. BIS 9. SEPTEMBER 2006
VORSPEISE
Thunfisch von der Grillplatte mit schwarzen Johannisbeeren, Eukalyptus und mariniertem Kräutersalat
SUPPE
Rote Betesuppe mit Himbeeressig, Apfel-Meerrettich-Eis und Walnusskrokant
ZWISCHENGERICHT
Kleine Teigtaschen „Angolotti“ mit Süßkartoffelfüllung, Salbeischaum und Pancetta
FISCHGANG
Gebratener Steinbutt mit leicht herber Jus von grünen Tomaten mit heimischem Salat Mesclun und gequetschten Zucchini
HAUPTGANG
Milchkalbshaxe aus dem Ofen mit Steinpilzen, Maccaronigratin und Petersiliensauce
KÄSE
Parmesantörtchen mit feiner Sardellenvinaigrette und Römersalat – nach der Idee vom Ceasar Salat
DESSERT
Karamellisierter Schokoladenblätterteig mit geschmorten Birnen, Korianderparfait und Birnensüppchen
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Menü nach Wahl – pro Person:
3 Gänge / € 36,- 4 Gänge / € 43,- 5 Gänge / € 50,-
6 Gänge / € 57,- 7 Gänge / € 64,-
Nach dem Menü servieren wir feine Patisserie.
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WEINEMPFEHLUNG
Weiss Riesling Spätlese trocken 2001
Weingut Korrell, Nahe 0,2 l / € 7,50 0,75l Flasche /€ 24,00
Rot Gavarini 2004
Nebbiolo
Elio Grasso, Langhe 0,2 l / € 10,50 0,75l Flasche /€ 38,00

Aus den Angeboten kann sich jeder nach Gusto zusammenstellen, was er mag. Wir ließen die Rote-Beete-Suppe und das Parmesantörtchen aus, Torsten kostete die Süßkartoffel-Angolotti, ich dafür den Steinbutt, Thunfisch, Kalbshaxe und Dessert haben wir beide genossen.

Aber ehe ich mich dem Essen widme, zum Ambiente… in der Küchenwerkstatt geht es schlicht zu, nur ein wenig Stuck und ein paar minimal deplaziert wirkende große Lampen an der Decke erinnern an den historischen Bau, der Rest ist angenehm hanseatisch dezent gehalten, mit subtilen Anklängen an französische Bistros – so zum Beispiel eine lange rote Lederbank an der Wand entlang. An der Bar steht eine schöne La Marzocco Espressomaschine, die mit dem überaus genialen Espresso von Carroux befüllt wird, aus, wenn ich das richtig gesehen habe, einer MiniMazzer-Mühle.

Die Beleuchtung ist ein wenig dunkel, wir hatten einen Tisch direkt am Fenster, über dem ein kleines helles Spotlight hing, was sehr angenehm war, später allerdings gedimmt wurde. Die Akustik und Geräuschkulisse sind fabelhaft, zwar kann man durchaus die Gespräche der Tischnachbarn hören, aber neben dem Geräusch des Brotschneidens und ein wenig subtiler Hintergrundmusik sind quasi keine Nebengeräusche zu hören, man kann sich ganz auf das – ausgezeichnete – Essen konzentrieren.

Bevor es mit dem Essen losging, gab es einen Gruß aus der Küche – eine kalte Gurkensuppe und dazu eine Ingwer-Garnele am Spieß, mit etwas marinierter Möhre und Zucchini dekoriert. Sehr lecker.

Als nächstes kam Brot, ein frisches, warmes Kräuterbrot mit Oliven, dazu Meersalz und ein köstliches mildes Olivenöl zum Dippen. Das Brot im Beutelchen und die Beigaben blieben während des ganzen Essens auf dem Tisch.

Der Service: freundlich, unaufdringlich, makellos.

Ein weiteres Brot wurde aufgetragen, bzw. eher frisch vom Laib aufgeschnitten, ein mit Gewürzen und Honig abgeschmeckter Brotlaib zu dem eine Schmandcreme gereicht wurde. Und dann kam endlich die Vorspeise…

Thunfisch von der Grillplatte mit schwarzen Johannisbeeren, Eukalyptus und mariniertem Kräutersalat

Dünne, nur aussen angebratene Scheibchen butterzarten, rohen Thunfischs, dazu eine Art dickes Schwarze-Johannisbeer-Gelee in Stückchen, Salat, Shisokresse, etwas Johannisbeersauce, und eine mild aromatische Parmesanhippe. Sehr gut; mich störte die hauchdünne Hautschicht am Thunfisch, Torsten hat sie mitgegessen. Auch optisch ein Highlight.

Als Wein hatten wir eine an diesem Abend empfohlene Cuvee aus Chardonnay und einer anderen Rebsorte, die mir nicht einfallen will, aus dem Rheingau, ein prima Begleiter zum gesamten Menu (ok, zur Kalbshaxe hätte ein roter besser gepaßt). Die Sommeliere schenkte zu jedem Gang systematisch nach und verteilte den Wein so gekonnt für uns beide über das gesamte Menu. Dazwischen wanderte die Flasche immer wieder brav in die Kühlung, um eine gleichmäßige Temperatur zu sichern.

Torsten bekam
Kleine Teigtaschen „Angolotti“ mit Süßkartoffelfüllung, Salbeischaum und Pancetta. Perfekt gelungen.

Für mich gab es
Gebratener Steinbutt mit leicht herber Jus von grünen Tomaten mit heimischem Salat Mesclun und gequetschten Zucchini,
der auf einer gerösteten Fenchelscheibe thronte in Begleitung einer unglaublich süßen, festfleischigen, gerösteten Tomate.
Das würzige Zucchinipüree harmonierte zu dem Fisch wunderbar.

Dann der „Hauptgang“.
Milchkalbshaxe aus dem Ofen mit Steinpilzen, Maccaronigratin und Petersiliensauce.
Eine vergleichsweise große Portion (entbeinter), langsam geschmorter, knusprig brauner Kalbshaxe auf ein wenig feiner Sauce. Das Maccaronigratin – ungefähr 5 Bleistifte perfekt gratinierter Nudeln – war eine gute Ergänzung zu dieser Sauce. Der Petersilienschaum ging daneben unter, pur schmeckte er sehr gut, aber hier war er wohl mehr als dekoratives Element zu sehen. Die gebratenen Steinpilze waren himmlisch und zusammen mit der Milchkalbshaxe einfach toll!

So langsam setzte die Sättigung ein, aber es war noch Platz für ein Dessert. Rein mengenmäßig hatten wir mit 4 Gängen eine gute Wahl getroffen, mehr hätten wir kaum bewältigen können.

Zunächst bekamen wir aber noch ein nicht geplantes Extra – an der Alster fand ein Feuerwerk statt und wir hatten mit unserem Fenstertisch beinahe einen Logenplatz 🙂

Das Dessert:
Karamellisierter Schokoladenblätterteig mit geschmorten Birnen, Korianderparfait und Birnensüppchen.

Der nicht süße Schokoblätterteig war hervoragend, das Korianderparfait zusammen mit einer Schicht Birnengelee großartig, der Birnenschaum obenauf und drumherum die vollkommene Abrundung. Für mich, die ich selten Süßes esse, einen winzigen Tick zu süß, ansonsten eine geniale Kombination. Das Birnensüppchen im extra Likörglas dagegen war einfach nur ein purer Williamssaft, lecker, aber durchaus verzichtbar – allerdings akzentuierte die feine Säure des Saftes doch die Süße des Desserts ganz gut.

Aufmerksam wurden wir gefragt, ob wir noch einen Espresso oder Cappuccino möchten, und orderten Espresso. Der ist hier sogar günstiger als direkt bei Carroux. Dazu fuhr die Crew der Küchenwerkstatt dann noch ein Extra auf, für das das Restaurant bekannt ist – „Feine Patisserie“. Das hieß in diesem Fall, hauchfeiner Schokoladenmandelkrokant, ein marzipaniges Mandelbuttergebäck, und Schokoadencassispralinen.

Solchermaßen gestärkt, bestellten wir die Rechnung – mit 113,60 Euro für zwei Personen kein günstiges Vergnügen, aber jeden Cent wert.

Besser habe ich bislang nur im (alten Bahrenfelder) Tafelhaus gegessen – und ich habe ein weiteres Lieblingsrestaurant in Hamburg, das ich bedenkenlos jedem empfehlen kann. Bemerkenswert ist übrigens auch der fair kalkulierte Mittagstisch – 3 Gänge für rund 20 Euro – den das Restaurant anbietet. Das werden wir sicher bald mal wahrnehmen.

Küchenwerkstatt
Hans-Henny-Jahnn-Weg 1
22085 Hamburg

Fon +49 (0) 40 – 22 92 75 88
Fax +49 (0) 40 – 22 92 75 99

Bus: Metrobus 6 – Haltestelle Mühlenkamp/Hofweg

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

2 Antworten

  1. Cascabel sagt:

    Danke für den schönen und ausführlichen Bericht! Die Küchenwerkstatt ist jedenfalls für den nächsten Hamburg-Trip vorgemerkt, das klingt ja alles vorzüglich 🙂

  2. Claudia sagt:

    Danke für den tollen Tipp! Ab und an darf man sich das schon mal gönnen. Ich bin an dem Restaurant bislang immer vorbeigegangen. Das wird sich demnächst ändern. Ich muss nämlich noch mal jemanden zum Essen einladen und suche nach dem passenden Restaurant: Nicht zu fein, aber die Küche muss schon besonders sein.

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