Obernburg am Main – Zum Karpfen

Zu Pfingsten begab es sich, dass mein Liebster und ich seine Eltern zum Essen einladen wollten. Kein einfaches Unterfangen, denn für die alten Herrschaften darf es nicht zu weit weg sein (mitten im Odenwald in der Pampa wohnend), es sollte sowohl für sie als auch für uns etwas Passendes auf der Karte stehen, und zu teuer sollte es auch nicht sein. Nicht, dass wir nicht auch gern mehr bezahlt hätten, aber dann hätte sich meine Schwiegereltern extrem unwohl gefühlt.

So entschieden wir uns nach einem kleinen Bummel durch das nicht weit entfernt am Main gelegene Städtchen Obernburg in Bayern (Verzeihung, Franken) für einen gutbürgerlichen Gasthof mit angeschlossenem Hotel, der einen für unsere Zwecke gut geeigneten Eindruck machte: Zum Karpfen

Der Karpfen liegt in der Mainstrasse (8-13), mitten in der Altstadt, nur ein paar Meter von der durch den Ort führenden Haupt-Verkehrs- und Einkaufsstraße entfernt, nicht weit vom Main und der Bundesstraße entfernt, dennoch recht ruhig. Hinter dem Haus kann man bequem parken.

Beim Blick auf die Karte kam überraschend ein spontanes „Oh da hab ich was für mich gefunden!“ von Torstens Mutter (ich glaube sie war genauso überrascht wie wir). Hier die Karte.

karpfen-karte

Solchermaßen das Eis gebrochen habend, war nun auch der Skeptizismus unserer Gäste weg und wir betraten den Gasthof.

Die Innenausstattung ist recht rustikal, der vordere Teil der Gaststube ist eher Schankwirtschaft, hinten wird es etwas restaurant-mäßiger. Die Familie die den Gasthof betreibt ist seit rund 500 Jahren in Obernburg ansässig, den Gasthof hat man immerhin seit rund 100 Jahren in der Familie, als Folge einer Familienbrauerei.

Schnell war auf den Karten etwas ausgewählt. Torsten bestellte ein Rumpsteak, seine Mutter wollte Tafelspitz mit Merrettichsauce, sein Vater Wildgulasch mit Knödeln (er isst gern Wild, aber seine Frau nicht…) und ich bestellte mir eine Tagessuppe und Zanderfilet in Zitronengrasbutter gebraten.

Während wir auf unser Essen warteten, beobachteten wir die Ankunft einer Familie am Nachbartisch (oben zu sehen). Unseren ganzen Aufenthalt hindurch fiel uns auf wie zuvorkommend die Gastwirte gegenüber ihren Stammgästen waren, und wie stark kinder- und familienfreundlich. So gab es gleich Malbücher für die Kleinen und Stifte und etwas zu spielen, es wurde angeboten das Essen für die Kleinsten eher zu bringen, damit die schon mal essen (und die Eltern später in Ruhe speisen) konnten. Insgesamt hatte man – auch beim Umgang mit den Kindern – den Eindruck, hier wurde wirklich mit Liebe und von Herzen den Gästen ein familienfreundliches Ambiente geboten, sehr positiv.

Meine Suppe war genau so wie ich mir das vorgestellt hatte – eine hausgemachte Bouillon die diese Bezeichnung verdiente, mit frischem Leber- und Markknödel drin. Der Salat zu Torstens Steak war gut, hatte allerdings ein paar am Rand angegammelte Blättchen.

Dann kamen die Hauptgerichte, die recht gut aussahen. Alle Beilagen wie Kartoffeln, Knödel, Bratkartoffeln, Reis kamen jeweils in extra Schälchen, was ich gut fand. Weniger gut gefallen hat mir, daß die Fleischgerichte gleichmäßig mit Sauce überzogen waren. Hier hätte ich mir _etwas_ Sauce auf dem Essen und Sauce separat gewünscht, gerade bei so etwas wie Tafelspitz und Meerrettichsauce, oder Steak.

Torstens Eltern waren mit ihrer Wahl rundum zufrieden, insofern war unsere Restaurantwahl auf jeden Fall ein voller Erfolg – das Ambiente war ebenfalls ihr Stil.

Torsten erwähnte, dass sein Steak ausgezeichnet war, die Sauce jedoch nach Packung aussah – und schmeckte, wie ich mich vergewisserte. Torstens Mutter war entgeistert, wie wir sowas auch nur unterstellen konnten… aber sie machte sich ja auch Gedanken über unsere Fotos. „Die tun hier spioniere!'“ merkte sie peinlich berührt gegenüber dem Gastwirt an, als wir gerade in dessen Beisein ein paar Bilder machten.

Mein in einer Eihülle in Butter pfannengebratener Zander war exzellent. Bloß dass die Zitronengrasbutter nicht im mindesten nach Zitronengras schmeckte, ausser man kaute vehement auf den kleinen Zitronengrasstückchen, die darin schwammen. Etwas pulverisiertes Lemongrass (oder vielleicht auch gefriergetrocknetes) hätte hier Wunder getan. Getrübt wurde das allerdings vom eben gargedämpften Gemüse, das ok war, aber der Blumenkohl total versalzen.

Soweit das Essen. Als Nachspeise gab es für Torstens Mutter einen Schwarzwaldbecher, für Torsten Erdbeeren Romanoff, beides Nullachtfünfzehn-Versionen und nicht der Erwähnung wert. Ach ja, doch – die Sahne auf Torstens Erdbeeren schmeckte sauer – zumindest fand ich das. Er fand sie „seltsam“. Entweder hier war wirklich sauer gewordene Sahne auf beiden Desserts, oder aber ein Bindemittel, das sehr eigenwillig vorschmeckte.

Der Absacker im Wortsinn war dann mein Cappuccino. Mit Milch oder Sahne hatte ich auf der Karte gelesen und nicht weiter drüber nachgedacht, dass ich mich nicht in Reichweite eines Hamburger Coffeeshops befinde, wo die Frage normal ist, sondern auf dem Land jenseits des Weißwurstäquators. Also orderte ich Cappu mit Milch. Der Milchschaum sah ein bißchen dünne aus, aber nuja. Und dann nippte ich. Und wunderte mich, was bei allen Göttern der Kulinarik die mit dem Kaffee angestellt hatten. Bis Torsten in meine Tasse blinzte. „Der ist ja so hell.“ sagte er. „Das ist Instant.“

Und das war des Rätsels Lösung. Instant-Beutel-Cappuccino. Etwas das ich absolut eklig finde, alle die ihn trinken mögen mir das verzeihen.

So blieb mein Kaffee stehen und ich tröstete mich mit einem wirklich guten Zwetschgenwasser, das in Franken offenbar männlich ist:

Am Ende hatten wir mit 4 Personen für rund 75 Euro gespeist. Der Service war sehr freundlich, die Eiweißbestandteile des Essens gut, die Beilagen (Bratkartoffeln wie Knödel) sahen nach Convenience aus, die Saucen waren definitiv Convenience. Unseren Gästen hat die einfache gutbürgerliche Küche dort gemundet – und das war in diesem Fall das Wichtigste.

Ich würde dort vermutlich nicht wieder essen gehen, aber man kann in Deutschland auch viel schlechter essen, und wer sich an Standard-Saucenbinder oder Großküchen-Sauce auf seinem Steak oder Tafelspitz nicht stört, kommt hier gut auf seine Kosten.

Hotel Restaurant Zum Karpfen

Mainstrasse 8-13
63785 Obernburg (am Main)

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

3 Antworten

  1. Jutta sagt:

    Ihr werdet es nicht glauben und ich staune gerade selber Bauklötze – wir ziehen demnächst nach Obernburg. Hammä, oder?

    • FoodFreak sagt:

      Ihr zieht nach *gasp* BAYERN? 🙂 Obernburg ist ja ganz nett, aber ein verschlafenes Nest… sag doch mal Bescheid wenn Ihr da angekommen seid; das würde ja dem Besuch bei den Schwiegerellis ganz neue Dimensionen geben.

      • Jutta sagt:

        Aber gerne doch, wir werden voraussichtlich Anfang/Mitte Juni umziehen. Bis alles parat ist, wird es bestimmt Hochsommer, dann seid ihr herzlich eingeladen. Ich freue mich! Verschlafen ist es wirklich, aber im Gegensatz zu unserem jetzigen Wohnort erscheint mir Obernburg als pulsierende Metropole 🙂

        Dass ich mal in Bayern wohne, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Da müssen wir jetzt durch. Was wir bisher an Einheimischen kennengelernt haben, war sehr, sehr nett. Wenn es so weiter geht, dann kann und will ich nicht klagen. Und die Eisdiele wird umgehend getestet. Beim Karpfen bin ich mir noch nicht so sicher.

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