Die gute Butter

Dieser Artikel wurde zuletzt am 30. August 2015 aktualisiert

Lamb butter

„…und ein Stich gute Butter“ höre ich noch im Geiste meine Oma sagen. Das kam mir als Kind immer komisch vor, ebenso wie die Betonung auf Bohnenkaffee, wenn sie ein Pfund Kaffee haben wollte. Schließlich gab es ‚Margarine‘ oder ‚Butter‘, ‚Caro‘ oder ‚Muckefuck‘ oder eben richtigen Kaffee.

Woher das kommt, ist natürlich klar. Aber so richtig bewusst geworden ist es mir erst, als ich kürzlich für ein Projekt nach Ernährung der letzten Jahrhundertwende recherchiert habe und dabei auf dieses (extrem interessante und lesenswerte) Buch stieß: Die deutsche Küche im 20. Jahrhundert: Von der Mehlsuppe im Kaiserreich bis zum Designerjoghurt der Berliner Republik

Für Baby-Boomers wie mich, die in eine Welt relativen Überflusses geboren sind, ist es schon schwer, sich daran zu gewöhnen, dass das 20. Jahrhundert vorbei ist, geschweige denn, sich die Not und Armut der Jahre bis etwa 1955 vorzustellen. Ersatz-Lebensmittel waren in einem von zwei Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Deutschland Alltag, man konnte froh sein in irgendeiner Form Nahrungsfette zu bekommen, um 1918 ging man sogar daran, aus gesammelten Obstkernen Öl zu pressen, einfach nur um irgendwo die dringend benötigten Nährstoffe herzubekommen.

Die ach-so-goldenen 20er waren nur für eine kleine Elite golden, und so manches an der neuen Berliner Republik gemahnt mich langsam an die alte Weimarer Republik. Ein Arbeiter mit einem Durchschnittslohn von 1100 Mark brauchte selbst bei knappster Nahrung und in einem kalten rußigen Loch von Wohnung 1500 Mark, um sich, Frau und Kinder zu ernähren. Das Mitverdienen von Kindern war wörtlich überlebensnotwendig. Und meine Großmutter, die durch zwei Kriege gegangen ist, kannte ebenso Adenauers Sparbrot und patentierte Ersatz-Soja-Wurst wie auch die zahllosen als Butter verkauften Ersatzfettkombinationen. Manchmal war sogar der Roggen zu knapp um Getreidekaffee herzustellen… ich denke, Rezepte für Bucheckern-, Zichorien- und Eichelkaffee dürften in ländlichen Regionen einen Boom erlebt haben.

Unter diesem Hintergrund betrachtet ist die Unterscheidung „gute Butter“ (also the real thing) vs. falsche oder eben nicht gute Butter verständlich, ebenso wie das Beharren darauf, dass man sich nun „Bohnenkaffee“ gönnt.

Aber zurück zur Butter… ich bin – verglichen mit den meisten Kindern in meiner Schulklasse – arm groß geworden. Butter habe ich bewusst das erste mal in meiner Pubertät kennengelernt, ich bin ein Aldi-Sonnenblumen-Margarine-Kind. Tatsächlich hätte ich gut von Brot mit Senf oder eben mit der besagten Sonnenblumenmargarine leben können. Später kam Butter in Form der Butterberg-Abbaumaßnahmen hinzu, was bedeutete, in Kühlhäusern dauereingelagerte EU-Sauerrahm-Normbutter. Ich mochte das Zeug nicht, es hinterließ ein pelziges, würgendes Gefühl in meinem Hals. (Das tut bestimmte Butter bis heute).

Dann kam Kerrygold. Das muss man wirklich so sagen: Kerrygold war ein Meilenstein meiner Buttergeschichte. Zum ersten Mal gab es Butter, die nicht steinhart war, und die vor allem auch gut schmeckte. Danke, Irland! Das blieb eine Ausnahme auf dem Frühstückstisch und in der Küche. Ich erinnere mich aber noch gut dass mein recht geiziger Großonkel bei uns zu Besuch war und immer gegenüber seiner Ehefrau monierte, bei uns schmecke die Butter viel besser als zu Hause. (Weil er zu Hause nämlich auch nur das spottbillige EU-Lagerstreichfett kaufte). Der Lernprozess hat gedauert….

Als ich dann auszog und mein Studentenzimmerchen hatte, war ein Stück Butter zuviel für mich, ein Riesentopf Margarine erst recht – die niedlichen kleinen Designerpackungen Typ Lätta und Co. kamen erst später auf. Ich probierte – da es davon 125-g-Packungen gab – eine schleswig-holsteinische Süßrahmbutter. Und plötzlich verstand ich, warum alle Leute so einen Bohei um Butter machten. Das Zeug war klasse!

Seither mag ich am liebsten eine gute Süßrahmbutter. Ich kaufe dennoch immer noch Butter billig, zum Beispiel zum Backen, und so manche der billigen Sorten löst auf dem Brot eben genau das Würgegefühl im Hals aus, das ich immer noch nicht ursächlich zuordnen kann.

Margarine dagegen… die vielgeliebte Sonnenblumenmargarine empfinde ich heutzutage als eklig salzig und schmierig. Vermutlich hat sich mein Geschmack stark verändert, ich glaube aber auch die Produkte haben sich verändert. Gehärtete Pflanzenfette kommen mir ohnehin nicht mehr auf den Tisch, und Margarine ist Geschichte. (Lätta fand ich ebenfalls eklig salzig, und nur die Margarine mit Olivenöl von Bertolli hätte heute wohl geschmacklich eine Chance).

Die beste Butter meines Lebens war – nicht unbedingt überraschend – eine leicht mit Meersalz gesalzene Rohmilchbutter aus der Normandie. Dazu nur noch ein Stück gutes Brot und man is(s)t im Himmel. Die gibt es hier u.a. bei einem Käsestand auf dem Isemarkt, und manchmal in guten Kaufhaus-Lebensmittelabteilungen. Der Preis ist entsprechend…

Als nächstes muss ich es mal mit einer guten ( 🙂 ) Bio-Butter versuchen… und ob sich da das pelzige Gefühl auch einstellt.

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Appetit bekommen? - Hungry for more?

4 Antworten

  1. zorra sagt:

    Sehr interessant. Als ich nach Spanien zog, war es zuerst recht schwierig gute Butter zu finden. Ich habe viele ausprobiert, auch Kerrygold, bis ich auf ein dänisches Produk, das mir schmeckt, gestossen bin.

  2. FoodFreak sagt:

    In Spanien, zumindest auf den Kanaren, war mein bevorzugtes Produkt eine arabische gesalzene Butter in einer Blechdose, die sehr gut haltbar war. Kerrygold ist heute längst nicht mehr auf meiner Topliste, aber damals war sie eine Offenbarung 🙂

  3. Ute sagt:

    Ich kann das so gut nachvollziehen, obwohl ich Butter immer gemocht habe und auch mit billiger Butter gut klarkomme. Aber zu besonderen Anlässen gönnen wir uns dann auch mal die wirklich gute Normannische Butter, die unser Feinkost Supermarkt anbietet (3,50 Euro für 200g). Die isst sogar mein Freund, der sonst gar keine Butter mag.

  4. Foodfreak schrieb vor einigen Tagen einen Artikel in dem sie sich mit der Küche im Wandel der Zeit auseinander setzte. Genau wie sie erinnere ich mich daran, dass Bohnenkaffee oder Butter für meine Großmutter etwas besonderes war und auch bei uns kam Maga

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